Hamburger Studien

zu Volkstum und Kultur der Romanen

Herausgegeben vom Seminar für romanische Sprachen und Kultur GE

Spaniiches Volkstum nach älteren deutichen Reifebeichreibungen

(1760 bis 1860)

von

Carl-Heinz Vogeler

Mit 6 Abbildungen im Text

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Öeftiftet von freunden und forderern der Auiverfität Donn

Hamburger Studien zu Volkstum und Kultur der Romanen

Herausgegeben vom Seminar für romanische Sprachen und Kultur an der Hansischen Universität Hamburg

Band 34

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Spanifches Volkstum nach älteren deutfchen Reifebefchreibungen

(1760 bis 1860)

Carl-Heinz Vogeler

Mit 6 Abbildungen im Text

1941

HANSISCHER GILDENVERLAG . HAMBURG

Druck : Hansische Gildendruckerei, Br rg 11, Cotharinenstraße 21

VORWORT.

Als Carl-Heinz Vogeler am 3. Februar 1940 in Hamburg die Augen für immer schloß, hinterließ er im Manuskript die vor- liegende Arbeit, die er trotz schweren Leidens, von seiner Aufgabe begeistert und von tiefer Liebe zum Lande Spanien erfüllt, unermüd- lich und gewissenhaft kurz vor seinem Hinscheiden zu einem glück- lichen Ende geführt hatte.

Carl-Heinz Vogeler wurde am 12. Juli 1907 in Eutin (Oldenburg) geboren. Nach Besuch der Oberrealschule in Altona widmete er sich von 1925 bis 1930 dem Studium der englischen und französischen Philologie und der Geographie an den Universitäten Hamburg, Heidelberg, München und Göttingen. 1931 bestand er die Prüfung für das Lehramt an höheren Schulen. Anschließend erfolgte dann seine Ausbildung auf dem Studienseminar in Altona-Ottensen und dann im Realgymnasium in Blankenese.

Da ihm der Schuldienst wegen seines Gesundheitszustandes versagt blieb, schloß er sich dem Arbeitskreis des Romanischen Seminars in Hamburg an, um in der wissenschaftlichen Tätigkeit Ablenkung von seinem Leiden und Erholung zu finden. Er war mir viele Jahre hindurch, still, aber geistig aufgeschlossen und treu, ein lieber Kamerad.

Ich hielt es für meine Pflicht, die von Carl-Heinz Vogeler hinter- lassene Schrift den Freunden Spaniens vorzulegen. Zu der Druck- legung steuerte Fräulein Annemarie Vogeler die Ersparnisse ihres Bruders und eigene Mittel bei.

Hamburg, Februar 191. F. Krüger.

Inhaltsverzeichnis.

Vorwort

Verzeichnis der als Quelienwerke benutzten Reisebeschreibungen

Abkürzungen .. .. Einleitung .. .. I. Ländliche Arbeit und landwirtschaftliche Geräte II. Das spanische Haus .. .. .. .. III. Religiöse Bräuche und kirchliche Feste iV. Spanische Volkstrachten .. .. ..

Verzeichnis der als Quellenwerke benutten Reisebeschreibungen.

Arnim, C.O.L.von, Reise nach Paris, Granada, Sevilla und Madrid zu Anfang des Jahres 1841. Berlin 1841. (CB)

Augustin, Ferdinand Frhr. von, Reise nach Malta und in das südliche Spanien im Jahre 1830. Wien 1839. (St B Berlin)

Bastiano, Graf (Pseudonym), Im Süden. Reiseskizzen. Berlin 1865. (St B Berlin) (1863—64)

Baumgärtner, Friedrich Gotthelf, Reise durch einen Theil Spaniens. Leipzig 1793. (StB)

Bergh, Alfred von, Letzte Reisebriefe von A. v. B, über Portugal und Spanien. (0. Ortu. J.) (St B Berlin) (um 1843)

Brandes, H. K., Ausflug nach Spanien im Sommer 1864. Lemgo und Detmold 1865. (Stadtbibl. Detmold)

Felder, Robert M., Der Deutsche in Spanien, oder Schicksale eines Württembergers wührend seines Aufenthalts in Italien, Spanien und Frankreich. 4 Bände. Stuttgart 1832—35. (St B Stuttgart)

Fischer, Christian August, Reise von Amsterdam über Madrid und Cadiz nach Genua in den Jahren 1797 und 1798. Berlin 1799. (Rom Sen)

Gemälde von Madrid. Berlin-Dresden 1802. (StB)

Gemälde von Valencia. 2 Bände. Leipzig 1803. (StB)

Gail, Wilhelm, Erinnerungen aus Spanien. Nach der Natur und auf Stein gezeichnete Skizzen aus dem Leben in den Provinzen Catalonien, Valencia, Andalusien, Granada und Castilien. München 1837. (StB München) (193233)

Glümer, Claire von, Aus den Pyrenden. 2 Bände. Dessau 1854. (StB Berlin)

Goeben, August Karl von, Reise- und Lagerbriefe aus Spanien und vom spanischen Heer in Marokko. 2 Bände. Hannover 1863. (StB Hannover)

Hackländer, Friedrich Wilhelm, Ein Winter in Spanien. 2 Bände. ° Stuttgart 1855. (Rom Sem) (183854)

Hager, Joseph, Reise von Wien nach Madrid im Jahre 1790. Berlin 1792. (StB)

H(elmrich), L. v., Reise-Fragmente aus Nord und Süd gesammelt: in Spanien, Portugal und Schweden. Breslau 1839. (U B Breslau)

Humboldt, Wilhelm von, Tagebuch der Reise nach Spanien 17991800. Gesammelte Schriften Band 15, pp. 47—348. Berlin 1918. (StB)

Tagebuch der baskischen Reise 1801. Gesammelte Schriften Band 15, pp. 356-450. Berlin 1918. (StB)

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(Jariges,K. Fr. von), Bruchstücke einer Reise durch das südliche Frank- reich, Spanien und Portugal im Jahre 1802. Leipzig 1810. (StB)

Kaufhold, Leopold Anton, Spanien wie es gegenwärtig ist. Bemerkungen eines Deutschen, während seines Aufenthaltes in Madrid in den Jahren 1790, 1791 und 1792. 2 Theile. Gotha 1797. (StB)

Körner, Gustav, Aus Spanien. Frankfurt 1867. (Rom Sem)

(Krause, Wilhelm), Andalusien. Spiegelbilder aus dem südspanischen Leben. Aus den Briefen eines jungen Deutschen. Hg. von W. Häring.

Berlin 1842. (Rom Sem) (1840) Lauser, Wilhelm, Aus Spaniens Gegenwart. Culturskizzen. Leipzig 1872. (U B Göttingen) (1869—71)

Link, H. Fr, Bemerkungen auf einer Reise durch Frankreich, Spanien und vorzüglich Portugal. 3 Bände. Kiel 1801. (StB)

Loning, Adolf, Das spanische Volk in seinen Ständen, Sitten und Ge- bräuchen. Hannover 184. (U B Göttingen) (1835-—44)

Lorinser, Franz, Reiseskizzen aus Spanien. Schilderungen und Eindrücke von Land und Leuten. 2Bände. Regensburg 1855. (U B Breslau, Bonn, Göttingen, Königsberg)

Neue Reiseskizzen aus Spanien. 2 Teile. Regensburg 1858. (Kreisbibl. Regensburg) (1857)

Löwenstein, Wilhelm Prinz zu, Ausflug von Lissabon nach Andalusien und in den Norden von Marokko im Frühjahr 1845. Dresden-Leipzig 1846. (StB Dresden)

Minutoli, Julius Frh. von, Altes und Neues aus Spanlen. 2 Bände. Berlin 1854. (Rom Sem)

Carl Christoph Plüers Reisen durch Spanien, aus dessen Handschriften hg. von C.D. Ebeling. Leipzig 1777. (StB)

Quandt, J. G. v. Beobachtungen und Phantasien über Menschen, Natur und Kunst auf einer Reise durch Spanien. Leipzig 1850. (StB)

Rehfues, Philipp Joseph von, Spanien nach eigener Ansicht. 4 Bände. Frankfurt a. M. 1813. (UB Breslau, Halle, Marburg, Bonn, Münster, Göttingen) (1808)

R(hetz), W. v., Reise eines Norddeutschen durch die Hochpyrenden in den Jahren 1841 und 1842. Leipzig-Paris 1843. 2 Theile. (Rom Sem)

Rigel, Fr. Xav. v., Erinnerungen aus Spanien (1807”—14). Mannheim 1839. (Rom Sem)

Rochau, August Ludwig von, Reiseleben in Sildfrankreich und Spanien. 2Bände, Stuttgart und Tübingen 1847. (St B Berlin)

Rosen, G. von, Bilder aus Spanien und der Fremdenlegion. 2Bände. Kiel 184344. (U BKiel) . (1835—39)

Roßmäßler, E. A. Reiseerinnerungen aus Spanien. 2Bände, Leipzig 1854. (Rom Sem)

Schuemberg, Heinrich Adolph, Erinnerungen an Spanien, belehrenden und unterhaltenden Inhalts. Dresden 1823. (StB Berlin, U B Göttingen)

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(Studer, Friedrich), Rückerinnerungen aus Spanien. Aarau 1810. (StB) (zit. Rückerinnerungen) x &

Thienen-Adlerflycht, Karl Frh. von, In das Land voll Sonnen- schein. Bilder aus Spanien. Berlin 1861. (StB)

Wachenhusen, Hans, Reisebilder aus Spanien. 2 Bände. Berlin 1856. (Rom Sem)

Waltl, Joseph, Reise durch Tyrol, Oberitalien und Piemont nach dem südlichen Spanien (1829). Passau 1835. (St B München)

Wattenbach, Wilhelm, Eine Ferienreise nach Spanien und Portugal. Berlin 1869. (Rom Sem)

Wiilkomm, Moritz, Zwei Jahre in Spanien und Portugal. Reise- erinnerungen. 3 Bände. Dresden 1847. (zit. I, II, III) (Rom Sem) (1844-46)

Wanderungen durch die nordöstlichen und centralen Provinzen Spaniens. Reiseerinnerungen aus dem Jahre 1850. 2 Bände. Leipzig 1852. (zit. Wan- derungen) (C B)

Spanien und die Balearen. Reiseerlebnisse und Naturschilderungen. Berlin 1876. (zit. Balearen) CB) (1873)

Wolzogen, Alfred Frh. von, Reise nach Spanien. Leipzig 1857. (StB Berlin) (1852)

Ziegler, Alexander, Reise in Spanien. Mit Berücksichtigung der national- ökonomischen Interessen. Leipzig 1853. 2Bände. (CB) (1850-51

Abkürzungen: StB = Staatsbibliothek, UB = Universitätsbibliothek, CB = Commerzbibliothek (ohne Zusatz = Hamburg), RomSem = Seminar für romanische Sprachen und Kultur Hamburg.

Abkürzungen.

AEuFo = Anuario de „Eusko-Folklore*. Vitoria.

BDC. = Butllett de dialectologia catalanc. Barcelona.

FoCoEsp = Folklore y costumbres de Espaüa. 3Bde. Barcelona 1931, 1931, 1933.

Krüger, GK = F. Krüger, Die Gegenstandskultur Sanabrias und seiner Nachbargebiete. Hamburg 1925.

Krüger, HPyr = F. Krüger, Die Hochpyrenäen. A I Hamburg 1936; A II Hamburg 1938; C I Barcelona 1936; C II Hamburg 1939.

VKR = Volkstum und Kultur der Romanen. Hamburg. ws = Wörter und Sachen. Heidelberg. = Zeitschrift für romanische Philologie. Halle.

Einleitung. Zur Methodik der Arbeit Die Reisewerke Die Verfasser,

Aufgabenstellung.

Bei der Lektüre von Reisebeschreibungen älterer Zeit über Spanien stößt der volkskundlich interessierte Leser immer wieder auf Beobachtungen über Gegenstände und Einrichtungen, die in mehrfacher Hinsicht von Wert sind. Sie reizen nicht nur zu Ver- gleichen mit den gegenwärtigen Zuständen, sondern vermitteln uns auch nicht selten die Kenntnis von Dingen, die jetzt nicht mehr in Gebrauch oder nicht mehr vorhanden sind, oder erschließen uns Zusammenhänge, die vorher ungeklärt waren. Das umfangreiche volkskundliche Material dieser Reisebeschreibungen zu sammeln und unter Berücksichtigung der Ergebnisse der modernen volks- kundlichen Forschung auszuwerten, war die Aufgabe der vorliegen- den Arbeit. Dabei habe ich mich wegen der Fülle des Stoffes auf die von Deutschen verfaßten Reiseschilderungen beschränken müssen. Eine Durchsicht der englischen und französischen Reise- werke über Spanien, die außer den deutschen am zahlreichsten sind, dürfte die von mir gemachten Feststellungen in mancher Beziehung ergänzen.

Bibliographie der Reisen.

Für die bibliographische Erfassung der in Betracht kommenden Reisebeschreibungen standen mir insbesondere die beiden Werke zur Verfügung, die man in ihrer gegenseitigen Ergänzung wohl schlechthin als erschöpfend auf diesem Gebiete bezeichnen darf, die grundlegende Arbeit von Foulch&-Delbosc! und das darauf weiterbauende umfangreichere Werk von Farinelli?®.

ı Bibliographie des voyages en Espagne et en Portugal. Revue hispanique, Band III, 1896.

2 Arturo Farinelli, Viajes por Espafia y Portugal desde la Edad Media hasta el siglo XX. Divagaciones bibliogräficas. 2 Bände. Madrid 1921 und 1930.

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Aus der Fülle des dort aufgeführten Materials galt es, das Geeignete auszuwählen. So schieden von vornherein alle Werke aus, die, häufig ebenfalls in die Form der Reisebeschreibung ge- kleidet, in breiter Darstellung die Kunst, insbesondere die Malerei, die Architektur, die Archäologie, die geographischen, politischen oder wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes behandeln. Volks- kundliche Beobachtungen fehlen in ihnen vollkommen, da der Blick der Verfasser auf andere Dinge gerichtet ist. Ebensowenig ent- halten aber auch jene zahlreichen Werke über Spanien volkskund- liches Material, deren Verfasser deutsche Offiziere und Soldaten sind, die während des Unabhängigkeitskrieges als Mitglieder der deutschen Legion unter französischen Fahnen oder während des Carlistenkrieges auf der einen oder der anderen Seite auf spanischem Boden kämpften. Alle diese Verfasser lernten das Land nur in Kriegszeiten, also unter gestörten Verhältnissen, kennen. Zudem bestehen ihre Erinnerungen an den Aufenthalt in Spanien gewöhn- lich in Feldzugsberichten. Das schließt aber nicht aus, daß einzelne (Loning, Rosen), durch den langjährigen Aufenthalt im Lande mit den Bewohnern und deren Sitten vertraut, manche interessante volkskundliche Beobachtung mitzuteilen wissen.

Als ergiebige Quelle für spanisches Volkstum erwiesen sich dagegen fast ausnahmslos die Reisebeschreibungen im engeren Sinne, und zwar ganz gleich, wen sie zum Verfasser haben?, Ich meine damit diejenigen Reisewerke, in denen der Verfasser an Hand des von ihm verfolgten Reiseweges fortlaufend eine Schilderung des Landes und seiner Bewohner gibt und von Ort zu Ort berichtet, was ihm begegnet und aufgefallen ist. Wenn dabei die volkskund- lichen Beobachtungen teilweise auch den Charakter des Zufälligen haben mögen, so hat dies.doch auch Vorteile; Der Eindruck ist als erstmalig und einmalig zumeist stärker und die Wiedergabe der beobachteten Einzelheiten genauer. Außerdem ist es fast immer möglich, das Geschilderte in bezug auf Ort und Zeit, wo und wann es wahrgenommen wurde, genau zu bestimmen, was sich für die Verbindung mit modernen volkskundlichen Forschungsergebnissen oft als sehr wertvoll erweist.

Die für die Untersuchung herangezogenen Reiseschilderungen

8 Über die Verfasser s. u,

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verteilen sich über einen größeren Zeitraum und entfallen vor- wiegend auf das 19. Jahrhundert. Dabei ergab sich die zeitliche Abgrenzung zwangsläufig. Die ersten deutschen Reiseberichte über die Pyrenäenhalbinsel, die von dem neuen, mit der Romantik :auf- gekommenen Geist des Reisens erfüllt sind, gehören dem Ende. des 18. Jahrhunderts an‘. Damit ist die obere Grenze gegeben. Die untere habe ich um das Jahr 1860 angesetzt, und zwar aus folgenden "Erwägungen: Mit dem fortschreitenden Ausbau des spanischen Eisenbahnnetzes vollzieht sich der Übergang von der oft be- schriebenen Postkutsche (diligencia) auf das neue Verkehrsmittel. Dadurch verliert aber auch der Reisende, der zumeist in kurzer Zeit viel sehen will, die enge Verbindung mit dem flachen Land, das er gezwungen war, zu Pferd oder Maultier zu durchreisen, wenn er sich eine Abweichung von den nicht eben zahlreichen Diligenceverbindungen gestatten wollte. Desgleichen fallen die Übernachtungen in den oft ebenso malerischen wie primitiven Wirtshäusern (ventas und posadas) fort, wo sich dem Reisenden häufig Gelegenheit bot, spanisches . Volksleben in unverfälschter Form kennenzulernen. Das neue Verkehrsmittel führt den Besucher ‘fortan schnell und bequem von Stadt zu Stadt, worunter natürlich die Möglichkeit, volkskundliche Beobachtungen zu machen, sehr leidet. Diese Wendung der Dinge zeigt sich deutlich bei Reisenden wie Baumstark und Wattenbach. Die Städte, die sie besuchen, sind bereits damals im Begriff, der von Frankreich aus- ‚gehenden Nivellierung des täglichen Lebens zu erliegen, So ist es erklärlich, daß die Ausbeute an volkskundlichem Material in den Reisewerken aus dieser Zeit immer spärlicher wird. Erst in der neuesten Reiseliteratur ist eine bewußte Hin- ‘wendung zu den interessanten Erscheinungen fremden Volkstums festzustellen, eine Entwicklung, die auf den wachsenden Ausbau der modernen Volkskunde als Zweig der Wissenschaft zurückzuführen ist. Damit erschöpft sich aber auch das historische Interesse, das uns leitete bei dem Vorhaben, spanisches Volkstum aus den Reise- beschreibungen älterer Zeit zu erschließen.

4 Über einzelne Werke aus früherer Zeit s.u. Unter diesen ragt als ethnographisches Zeugnis von größter Bedeutung das Trachtenbuch des Christoph Weiditz von seinen Reisen nach Spanien (1529) und den Niederlanden (1531/32) hervor, das Th. Hampe, Berlin-Leipzig 1927, herausgab.

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Zum Vergleich wurden deutsche Reisewerke über Portugal herangezogen, doch ist ihre Zahl gering. R

Bei der Sammlung und Verarbeitung des Stoffes bin ich so ver- fahren, daß das gesamte volkskundliche Material, das sich bei der

‚Durchsicht der Reisewerke ergab, nach Teilgebieten der Volkskunde

geordnet zusammengestellt wurde. So wurden berücksichtigt: Ländliche Arbeit, Verkehrsmittel und Verkehrswege, das spanische Haus, Hausrat, Speisen, Trachten, religiöse Bräuche und Kirchen- feste, Musik, Tanz und Spiele, Feste und Geselligkeit, der Volks- charakter, die spanische Frau.

Der Umfang des Stoffes brachte es mit sich, daß ich mich für die Ausarbeitung auf einige ausgewählte Abschnitte beschränken mußte. So umfaßt meine Arbeit die Teile: Ländliche Arbeit und landwirtschaftliche Geräte, das spanische Haus, spanische Volks- trachten, religiöse Bräuche und kirchliche Feste. Dabei war teil- weise (ländliche Arbeit, religiöse Bräuche) nur eine Einteilung des Materials nach sachlichen Gesichtspunkten möglich, während in anderen Fällen (Haus, Volkstrachten) landschaftliche Gesichtspunkte für die Behandlung des Stoffes in Frage kamen, wie die Gliederung der einzelnen Teile zeigt.

Bei der Verarbeitung des Materials habe ich versucht, die einzelnen von den Reisenden beobachteten Erscheinungen nach Möglichkeit in Verbindung zu bringen mit Feststellungen und Er- gebnissen der modernen volkskundlichen Forschung, ohne freilich auf alle Einzelheiten eingehen zu können. Die Aufgabe war insofern nicht leicht, als unsere heutige Kenntnis der Volkskunde der Pyrenäenhalbinsel in vieler Hinsicht noch sehr lückenhaft ist. Darüber kann auch ein so umfangreiches Sammelwerk wie Folklore y costumbres de Espafia (hg. von Carreras y Candi) nicht hinweg- täuschen. Für einzelne Gebiete boten mir die Arbeiten von Prof. Fritz Krüger und seinen Schülern immer wieder wertvollste Hilfe. Während sich so in vielen Fällen das Bild der Vergangenheit und das der Gegenwart abzeichneten, hier zur Deckung kamen, dort wieder Abweichungen und Unterschiede aufwiesen, gelang es daneben, aus den Reiseschilderungen zuweilen Dinge festzuhalten, auf die die heutige Volkskundeforschung noch nicht gestoßen ist.

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Die Reisewerke.

Mit dem Beginn der Romantik trat kein arideres Land so stark in den Blickpunkt deutschen Interesses wie gerade Spanien. Alles, was man als Inbegriff des Romantischen ansah, glaubte man in dem spanischen Menschen und dem spanischen Wesen verkörpert zu sehen. ‚Spanien wurde für den licht- und farbendurstigen Nord- länder das ersehnte Land seiner Wünsche und Träume. Es ist die Zeit, in der nicht nur deutsche Dichter und Gelehrte, sondern deutsche Menschen aller Stände sich begeisterten für die spanische Vergangenheit, für die spanische Romanzendichtung, für Cervantes und die großen Dramatiker, die in. zahlreichen Übersetzungen weiteren Kreisen zugängig gemacht wurden. Auf welchen Wegen die Kenntnis von spanischer Dichtung und spanischem Wesen nach Deutschland gelangt ist und sich dort verbreitete, hat Tiemann in einer Studie übersichtlich dargestellt®.

Mit dem wachsenden Interesse an spanischen Dingen entstand auch das Bedürfnis nach Reisebeschreibungen über das Land und seine Bewohner. Da die Deutschen im 18. Jahrhundert fast aus- schließlich als Kaufleute und Handelsreisende die Halbinsel auf- suchen, fehlen deutsche Reisebeschreibungen’ anfangs noch voll- kommen. So: mußte man sich damit begnügen, die zahlreichen englischen Reiseberichte über Spanien dem deutschen Leser durch Übersetzungen zugängig zu machen®. Erst gegen Ende des 18. Jahr- hunderts finden auch Deutsche den Weg nach Spanien als Ver- gnügungs- oder Forschungsreisende und berichten in Reise- schilderungen über ihre Eindrücke. Nachdem dann der Zeitraum von 1810 bis 1830 eine auffallende Lücke in bezug auf deutsche Reisewerke über Spanien darstellt, was sich durch den spanischen Unabhängigkeitskrieg und seine innerpolitischen Auswirkungen erklärt, schwillt der Strom der Reiseliteratur gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts stark an, ohne daß bis zur Gegenwart ein Nach- lassen des deutschen Interesses an Spanien festzustellen wäre.

5H. Tiemann, Das spanische Schrifttum in Deutschland von der Renaissance zur Romantik (vgl. den III. Teil. Hamburg 1936.

6 Es erschienen, um nur einige anzuführen, deutsche Ausgaben der Werke von Clarke (1765), Twiss (1776), Dalrymple (1778), Thickness (1778), Carter (1779), Dillon (1782) und Townsend (1792).

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Die Ausstattung dieser älteren Reisewerke in bezug auf Bild- beigaben ist zumeist sehr bescheiden, was durchaus verständlich ist im Hinblick auf die damals noch wenig entwickelte Reproduktions- technik. Viele Reiseschilderungen enthalten gar keine Abbildungen, andere nur wenige Stiche, auf denen zumeist die Alhambra oder 'Teile.davon wie der Löwenhof, oder der Palmenwald von Elche wiedergegeben sind, Dinge, für die sich der deutsche Leser in be- sonderem Maße interessierte. Wiedergabe volkskundlicher Motive, die Sitten und Gebräuche in dem fremden Lande verdeutlichen, findet sich jedoch nur selten. Eine Ausnahmeerscheinung stellt in dieser Hinsicht das Werk von Rigel (Erinnerungen aus Spanien) dar, das acht handkolorierte Stiche von Trachten nach Zeichnungen des Verfassers enthält, darunter die Abbildung eines Arriero mit seinen Maultieren und eines Basken auf seinem Ochsenkarren.

Die Verfasser.

Wenn ich im folgenden aus der großen Zahl der Verfasser von Reiseschilderungen über Spanien einige heraushebe und sie und ihr Werk kurz zu charakterisieren versuche, so ist hierbei der Gesichtspunkt maßgebend, daß gerade bei diesen das Interesse am fremden Volkstum stark in Erscheinung tritt. Ihre Reisebeschreibun- gen enthalten dementsprechend ‚auch die meisten volkskundlichen Beobachtungen und bilden damit die Hauptquelle für die vor- liegende Arbeit. i

In erster Linie sind bemerkenswerterweise eine Anzahl Ge- lehrter zu nennen, : die ein wissenschaftliches Ziel nach Spanien führte. '

Wilhelm von Humboldt kommt zweimal nach Spanien. Das erstemal bereist er, von seiner Familie begleitet, das Land von Mitte Oktober 1799: bis Anfang Mai 1800, wobei fast die ganze Halbinsel berührt wird. Dem Studium der baskischen Sprache dient ein zweiter, einmonatiger Aufenthalt im Baskenland von April bis Mai 1801. Die Aufzeichnungen über beide Reisen sind keine Reisewerke, sondern Tagebücher, die zudem erst 1918 aus dem handschriftlichen Nachlaß Humboldts veröffentlicht wurden’. In beiden: Tagebüchern hat Humboldt eine Fülle von volkskund-

7 Gesammelte Schriften, Bd. 18, Berlin 1918.

)

lichen Einzelheiten festgehalten. Denn wenn sein Interesse als Sprachwissenschaftler auch, besonders bei seinem zweiten Auf- enthalt, in erster Linie sprachlichen Dingen gilt, so nimmt doch sein universeller Geist alles auf, was er an Äußerungen fremden Volks- tums wahrnimmt‘.

Zwei weitere Reiseschriftsteller, Willkomm und Roßmäßler, sind im Gegensatz zu Humboldt Naturwissenschaftler.

Moritz Willkomm, der Verfasser von vorzüglichen, auf eingehende Kenntnis des Landes und seiner Bewohner gegründeten Reiseschilderungen über die Pyrenäenhalbinsel, ist Botaniker. Nach- dem er 1844 bis 1846 eine zweijährige Studienreise nach Spanien unternommen hat, folgt ein neunmonatiger Aufenthalt im Jahre 1850:°, Zum drittenmal hält er sich 1873 in Südspanien auf!!.

Besonders in den Reisewerken über die beiden ersten Reisen zeigt sich der junge Gelehrte als ein Mensch, der ein offenes Auge hat für das Neue und Fremdartige, das ihm im fernen Lande be- gegnet. Als Naturwissenschaftler ist er außerdem ein guter und genauer Beobachter, wobei ihm zustatten kommt, daß er durch seinen langen Aufenthalt auf der Halbinsel im Gegensatz zu vielen anderen Reisenden im Laufe der Zeit eine ausgezeichnete Kenntnis der spanischen Sprache erwirbt. Durch seine botanische Sammeltätigkeit gelangt er oftmals, nur von einem spanischen Diener begleitet, in unzugängliche Gebirgsgegenden und abgelegene Orte. Gerade dadurch aber wird er vielfach Zeuge von Vorgängen

8 Vgl, hierzu auch A. Farinelli, Guillermo de Humboldt y el Pats vasco. Revista Internacional de los Estudios Vascos 1922, S. 257—272; ©. Quelle, Wilkelm von Humboldt und seine Beziehungen zur spanischer Kulturwelt, Ibero-Amerikanisches Archiv VIII, 339-349; ferner die Über- tragungen der baskischen Tagebücher ins Spanische, Diario del vieje a Espafla 1799—1800, Revista Internacional de los Estudios vascos XIV, 373 fl. und XXIII, 46--66, Diario del viaje vasco 1801, ebenda XIII, 614 fl.; XIV, 205 f2.; hierzu Los Vascos o Apuntaciones sobre un viaje por el pais vasco en primavera del aflo 1801, ebenda XIV, 3T76f.; XV, BIfl., 262 ff, 391 ff. Bocetos de un viaje a traves del Pais Vasco, ebenda XV, 448fl, sowie J. Garate, G. de Humboldt, Bilbao 1933.

® Zwei Jahre in Spanien und Portugal. Dresden 1847.

10 Wanderungen durch die nordöstlichen und centralen Provinzen Spaniens. Dresden 1852.

11 Spanien und die Balearen. Berlin 1876.

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aus dem Leben des Volkes, die den gewöhnlichen Reisenden oft ent- gehen. So bilden seine Reisewerke eine wertvolle Quelle für das’ Studium spanischen Volkstums aus der Mitte des vorigen Jahr- | hunderts"?. ; | E. A. Roßmäßler, der Verfasser der Reiseerinnerungen IE} aus Spanien, hat 1853 eine Reise nach dem südöstlichen Spanien | unternommen, um das Vorkommen der Land- und Süßwasser- schnecken zu erforschen. Wenn sich der Verfasser in seinem Reise- werk auch zuweilen über sein Fachgebiet verbreitet, so gilt doch, | was er im Vorwort zu seinem Buche sagt: „Spaniens Natur und | Volksleben geben fast allein den Inhalt meiner Erinnerungen. Für erstere ist mir eine tiefe Bewunderung und für letzteres eine warme Liebe geblieben.“ Trotz seiner anfänglich nur geringen Sprach- IR kenntnisse ist er ebenso wie Willkomm als Naturforscher ein guter’ || Beobachter, der spanische Einrichtungen und spanisches Volksleben | lebendig und sorgfältig beschreibt. Hierbei kommen ihm längere” | Aufenthalte bei spanischen Freunden in Murcia und Burriana zu- statten. 11 Neben diesen Gelehrten stehen andere Verfasser, die die Reise II nach Spanien zu keinem anderen ersichtlichen Zweck unternommen | haben, als Land und Leute kennenzulernen. Sie lassen sich daher | den heutigen Vergnügungsreisenden vergleichen, wofern man in II) damaliger Zeit schon vom Reisen insbesondere auf der Pyrenäen- halbinsel als einem Vergnügen sprechen darf. Bei einigen von | ihnen steht von vornherein die Absicht fest, das Gesehene und. II Erlebte in einem Reisebericht zu veröffentlichen. | Der älteste unter den deutschen Reiseschriftstellern aus Pro- | fession, der Spanien bereist hat, ist Christian August Fischer, II) der Verfasser eine Reise von Amsterdam über Madrid und Cadiz IN nach Genua (Berlin 1801) sowie von Werken über Madrid und Valencia. Aus späterer Zeit sind Friedrich Wilhelm Hackländer'!? und Hans Wachenhusen zu nennen, die sich beide als Schriftsteller und Kriegsberichterstatter einen Namen gemacht

| 12 vgl. auch die Studie von M. willkomm-Schneider, Professor | Moritz Willkomm und sein Verhältnis zu Spanien. „Spanien“ III, 1921, S. 229237.

Il) 18 Ein Winter in Spanien. Stuttgart 1853.

14 Reisebilder aus Spanien. Berlin 1856,

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"haben. Wenn sich auch ihre geringe Kenntnis des Spanischen nach-

‘teilig auswirkt, so ist doch durch die weiten Reisen, die sie bereits vorher unternommen haben, ihr Blick für das Fremdartige geschult und ihre Beobachtungsgabe gut.

Im Gegensatz zu diesen Schriftstellern, bei denen der Plan einer Reiseschilderung schon vor Beginn der Reise feststand, haben andere ursprünglich nicht daran gedacht, ihre Reiseaufzeichnungen zu veröffentlichen".

Carl Christoph Plüer hält sich von 1758 bis 1765 in Spanien auf. In diese Zeit fallen seine zahlreichen Reisen durch das Land, die er als Prediger der dänischen Gesandtschaft in Madrid zumeist in Begleitung von Diplomaten unternimmt. Bald nach seiner Rück- kehr in die schleswig-holsteinische Heimat starb Plüer, Aus seinen umfangreichen handschriftlichen Aufzeichnungen wurden seine Reisen durch Spanien 1777 von C.D. Ebeling herausgegeben. Wenn sich die Reiseschilderungen vielfach auf kurze topographische An- gaben beschränken, so geht dies wohl auf die Form der Aufzeich- nungen zurück; denn andererseits zeigt der Verfasser durch seine zahlreichen treffenden Beobachtungen über die verschiedensten Dinge, daß er ein Mann von reichem Wissen und vielseitigem Inter- esse ist. Volkskundlich besonders wertvoll sind seine Ausführungen über Landwirtschaft und Hausbau.

Auch Friedrich Gotthelf Baumgärtner, der zu Anfang des Jahres 1787 einen sächsischen Kammerherrn auf einer drei- monatigen Reise durch Spanien begleitet, hat unsprünglich nicht beabsichtigt, seine Erlebnisse zu veröffentlichen. Erst auf Bitten seines Leipziger Freundes gibt er die an diesen gerichteten 27 Reise-

briefe in Druck. „Die Briefe“, schreibt er im Vorwort seiner Reise

durch einen Theil Spaniens, „waren ... bloße freundschaftliche Unterhaltungen, worin ich, um seine Bitte zu erfüllen, ihm über eins und das andere Nachricht gab, was mir von den Sitten und Gebräuchen des gemeinen Lebens der Spanier merkwürdig zu sein schien.“ So finden sich in dem Buche viele gute volkskundliche Beobachtungen.

15 Humboldts Tagebücher waren zweifellos als Grundlage für eine spätere Veröffentlichung gedacht, wenn der Plan auch nicht zur Aus- führung kam,

= 10

Ein Reisebericht in Briefen sind auch die Letzten Reisebriefe von Alfred von Bergh über Portugal und Spanien. Es sind Briefe, die der Verfasser von einer in den Jahren 1841 und 1842 mit Freunden unternommenen viermonatigen Reise durch die Pyrenäen- halbinsei an Mutter und Schwester schrieb. Sie waren nie für die Öffentlichkeit bestimmt und wurden erst viele Jahre später von der Mutter in Druck gegeben. Bergh beobachtet aufmerksam und beschreibt eine Reihe volkskundlich interessanter Dinge, die er gelegentlich sogar durch kleine Skizzen zu veranschaulichen sucht.

Anonym erschienen im Jahre 1810 die Bruchstücke einer Reise durch das südliche Frankreich, Spanien und Portugal im Jahr 1802. Der Verfasser ist Karl Friedrich von Jariges. Sein Aufenthalt auf der Pyrenäenhalbinsel erstreckt sich über ein halbes Jahr. Die Darstellung ist sehr knapp und offensichtlich nach Tagebuch- aufzeichnungen entstanden. Dabei enthält sie bemerkenswert zahl- reiche gute und genaue’Beobachtungen über Leben und Treiben der Bewohner des Landes.

Wenn auch noch eine Reihe von Reisenden und Verfassern von Spanienwerken wie Prinz Löwenstein, Rochau, Ziegler, Minutoli, Thienen-Adlerfiycht u.a. zu nennen wären, deren Schilderungen interessante volkskundliche Einzelheiten ent- halten, so erübrigt sich doch ein näheres Eingehen auf sie, denn im ganzen gesehen treten die Beobachtungen über spanisches Volkstum in ihren Berichten zurück hinter anderen Elementen der Dar- stellung. Dies zeigt sich auch darin, daß ich in den ausführenden Teilen meiner Arbeit immer nur vereinzelt Gelegenheit habe, auf Stellen ihrer Werke als Quelle Bezug zu nehmen.

Reisewege der Verfasser.

Bei der Reise durch die Halbinsel wählen die deutschen Spanienreisenden vorwiegend zwei Wege. Der eine führt durch Katalonien an der Ostküste herunter und verläuft über Figueras, Barcelona, Tarragona und Tortosa nach Valencia, von wo es zumeist über Murcia nach Andalusien weitergeht. Manche Reisenden be- nutzen auch den Seeweg von Marseille nach Barcelona und von dort weiter nach Valencia. Wer nicht von Valencia aus Andalusien besucht gewöhnlich zu Schiff über Alicante und Mälaga —,

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folgt der Postkutschenroute von Valencia über Aleira, Albacete, Villarrobledo, Aranjuez durch die Mancha‘ nach der Landes- hauptstadt. Selten versäumt ein Reisender, den der Weg nach Barcelona führt, den in der Nähe gelegenen Montserrat aufzusuchen. Ebenso wird derjenige, der den Landweg von Valencia nach Murcia wählt, bestimmt in Elche haltmachen, um den berühmten Palmen- wald in Augenschein zu nehmen.

Andalusien aber ist das ersehnte Ziel aller, die überhaupt den Plan einer Spanienreise verwirklichen konnten. Mancher, enttäuscht von den eintönigen, unfruchtbaren Hochflächen Kastiliens und der Mancha, verzweifelt fast an seinem Wunschbild von Spanien, und erst hier im Süden, angesichts der fast tropischen Vegetationsfülle Andalusiens, glaubt er das wahre Spanien, wie es in seiner Vor- stellung lebt, gefunden zu haben. So widmen fast alle Reisenden viele Seiten ihrer Werke der Beschreibung Granadas, der Alhambra mit ihren Bauten, Sevillas und endlich Cädiz.

Ein zweiter Hauptreiseweg verläuft durch die baskischen Pro- vinzen und Altkastilien nach Madrid. Dabei werden Bayonne, Fuenterrabia, Irün, Tolosa, Vitoria, Burgos, Valladolid und Segovia berührt. Dieser Weg wird von allen denen bevorzugt, die beabsich- tigen, schnell und bequem die Landeshauptstadt zu erreichen. Doch lockt das reizvolle Baskenland viele Reisende zu längerem Ver- weilen. Von Madrid nach Andalusien führt die Reise dann zumeist über Toledo, Manzanares, Val de Pefias, Baylen und Andüjar.

Aus diesen Andeutungen über die Reisewege der Spanien- reisenden ist bereits ersichtlich, daß manche Gebiete der Halbinsel kaum besucht worden sind. So werden Asturien, Galizien, Leön, ; Extremadura und endlich Aragonien, bei denen es sich um verkehrs- arme, abgelegene Gegenden handelt, nur vereinzelt bereist und beschrieben. Es darf daher als glücklicher Umstand gewertet werden, daß ein so ausgezeichneter Reisender wie Willkomm in seinen Reisewerken auch diese Provinzen eingehender behandelt, da er bei seiner wissenschaftlichen Sammeltätigkeit gerade abseits der üblichen Reisewege, meist zu Pferd oder Maultier gereist ist.

1.

13

I. Ländliche Arbeit

und landwirtschaftliche Geräte. -

Inhaltsverzeichnis.

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Geräte zur Landbestellung .. .. 22 22 22 0a 02 er

a) Plug 2 22 0er Biaraya Grabschelt .. .. 0.2... u en

c) Egge und andere Ackergeräte .. .. 22 un 02 00008

Ernte. und Erntegerät fi. „20... 0... se elle yEr

a) Das Schneiden des Getreides ,. .. .. 22 22 ee nee

b) Das Dreschen ., .. .. . x 65.50 ‘da 08 oo Tenne Dreschtafel _ Dreschflegel

ec) Worfeln und Sieben des Getreides

d) Die Aufbewahrung des Getreides (garaize, Bol

3. Bewässerungsanlagen .. .. 2. 00 00 ne en ne en en ne BENorias, gruası.., u elle lee an leleidie el ein ehe SEEN a a a 2

BOENavazos .. ni nee Bela ee len

4. Landwirtschaftlicher Transport ..

a) Der carro chillön . 38 5 oo. ua (oo An 60

b) Das en een Lenken des Gespanns Hufbeschlag) a VE ee ee as

c) Die Schleife .. .. .. Bo" sa bh. en as

d) Pferde, Esel und Maultiere Ah Trag- si Reittiere re

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2 888 55

Bibliographie. Aranzadi, T. de, Zur Ethnographie des Ochsenjochs und zur Basken- kunde. Globus 89. Braunschweig 1906. Aperos de Labranza. FoCoEsp I. Barcelona 1931, S. 289-376. Bierhenke, W. Das Dreschen in der Sierra de Gata. VKR II, 1929, S. 20—82. Ländliche Gewerbe der Sierra de Gata. Hamburg 1932. Ebeling, W. Die landwirtschaftlichen Geräte im Osten der Provinz Lugo (Spanien). VER V, 1932, 50—151. Frankowski, E. Hörreos y palafitos de la peninsula ib&rica. Madrid 1919. Krüger, F. Alte Dreschverfahren in der Romania. Travaux du ler g ‚Congr&s International de Folklore, Paris 1837. Tours 1938, S. 72—84. Die Gegenstandskultur Sarabrias und seiner Nachbargebiete. Hamburg 1925. i *- Die Hochpyrenden. C. Ländliche Arbeit. Bd.I: Transport und Trans- portgeräte. Barcelona 1936. Bd.II: Getreide, Heuernte, Bienenwohnung, Wein- und Ölbereitung, Hamburg 1939. Die nordwestiberische Volkskultur. WS X, 1927, 45—137. Worfeln und Verwandtes in den Pyrenäen. Palma de Mallorca 1932. (Separat aus-„Miscelänea filolögica dedicada a D. Antonia M.a Alcover.“ Palma de Mallorca 1932, S. 509-524. 'Luquet, G.-H. et Rivet, P. Sur.le tribulum. Extrait des „Me&langes Iorga“. Paris 1933, S. 613—838. Messerschmidt, H., Haus und Wirtschaft in der Serra da Esträla. VKR IV, 1931, S. 72-163 und 246-305. Meyer-Lübke, W. Zur Geschichte der Dreschgeräte. WS I, 1908, 211 bis 244.

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Thede, M. Die Albufera von Valencia. VER VI, 1933, 210-273 und 317 bis 383.

Bar»

la

Solange die deutschen Spanienbesucher die Postkutsche und daneben Reittiere auf ihren Reisen durch die Halbinsel benutzen mußten, hatten sie Gelegenheit, das offene Land näher kennen- zulernen und somit auch den Bauern bei seiner vielseitigen Arbeit zu beobachten. Dabei richtete sich ihr Augenmerk natürlich be- sonders auf die Dinge, die typisch für die südliche Landschaft sind und in der Heimat fehlen. Wo Arbeitsgeräte und Arbeitsvorgänge aber denen im Norden ähneln, bestand auch kein Anreiz, sich näher mit ihnen zu beschäftigen, was in vielen Fällen wohl doch noch zur Feststellung interessanter Spielarten geführt hätte. So hat unter den Geräten zur Landbestellung insbesondere die laya die Aufmerksamkeit der Besucher des Baskenlandes erregt, während auf Pflüge, Eggen und andere Ackergeräte nur vereinzelt Bezug genommen wird. Auch Schilderungen der Ernte und der spanischen Erntegeräte nehmen einen breiten Raum ein, wobei sich die Reisen- den besonders ausführlich über den Dreschvorgang äußern, denn Dreschmethoden und Dreschgeräte stehen in auffallendem Gegensatz zu den heimatlichen Einrichtungen. Unter den landwirtschaftlichen Transportmitteln endlich erweckt im nordwestlichen Teil der Halb- insel der urtümliche Ochsenkarren das gesteigerte Interesse der Deutschen und wird von ihnen mit Recht als eine der typischsten Erscheinungen des Landes empfunden.

1. Geräte zur Landbestellung. a) Pflug.

Die Mitteilungen der deutschen Reisenden über die auf der iberischen Halbinsel gebrauchten Pflüge sind weder genau noch zahlreich, Nur wenige Besucher haben Veranlassung genommen, den spanischen Landmann beim Ackern zu beobachten. Vielleicht war auch bei den meisten von ihnen das landwirtschaftliche Ver- ständnis zu gering, um Unterschiede bei den Ackergeräten wahr-

en

nehmen zu können. Es müssen schon auffallende und ungewöhn- liche Formen gewesen sein, die sie zu Schilderungen veranlaßt haben.

So hat Humboldt (Baskische Reise 393) in Marquina im Baskenland neben der sonst üblichen Laya auch eine Art Pflug kennengelernt, die nabasaia, von der er eine Zeichnung entwirft und über die er folgendes berichtet:

„Bei der Bestellung scheint wegen des harten Erdreichs alles auf die Mürbemachung desselben anzukommen. Daher haben sie einige andre Werkzeuge als bei uns... die Nabasaia, eine Art Pflug aber mit vier krummen Haken Zähnen, welche die Erde aufwühlen, in dieser Gestalt.

bei a fäßt der Pflügende mit beiden Händen an, an b sind die Ochsen angespannt, c sind die erdaufwühlenden Haken, d ist ein Stein, der nicht immer, sondern nur dann, wann der Boden sehr hart ist, dem Pflüger das Aufdrücken zu erleichtern, an- gehängt wird.“

Er fügt hinzu (394):

. . oft geschieht das Durchpflügen mit der Nabasaia dreimal.“

Daneben ist demselben Verfasser noch eine andere Pflugform be- IMNIIM gegnet. Aus Durango schreibt er (Baskische Reise 409):

ul „An einigen Orten pflügt man mit einem einzahnigen Pflug, INN Goldia, oder auch Nabara genannt, aber nur um gerade Furchen III zu ziehn, denen die Arbeiter mit der Laya folgen können. Denn I der Pflug wird hier zum Durchackern nicht eigentlich ge- | braught, sondern die Laya.“

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Beide Geräte werden auch von Aranzadit unter den noch heute üblichen baskischen Pflugformen aufgeführt. Die nabarra oder golde, der „einzahnige Pflug ohne Streichbretter“, den Aranzadi abbildet, ist ein plump gearbeiteter hölzerner Pflug mit eiserner Päugschar, der in seinen Teilen dem leonesischen Pflug bei Krüger? gleicht, mit der Abweichung, daß die Ohren streichbrettartig fort- entwickelt sind®. Der vierzahnige Pflug, von Humboldt als nabasaia bezeichnet, trägt nach Aranzadi neben anderen mundartlichen Be- nennungen den Namen nabasai. Da Aranzadi ihn nicht näher beschreibt, ist Humboldts Zeichnung für die Kenntnis seiner Form von großem Interesse. Einen gewissen Vergleich ermöglicht die Abbildung eines dreizahnigen (yruortza) aus Guernica#, der sich im ganzen primitiver ausnimmt als die von Humboldt dargestellte nabasaia°.

Ungefähr zu derselben Zeit wie Humboldt beobachtet Jariges (230) das Pflügen in der Umgebung von Orihuela (Murcia) und sagt:

„Der Pflug, dessen man sich hier bedient, ist fast noch ganz in seiner ursprünglichen Einfachheit, und hat weder ein Sech noch ein Streichbrett; der leichte Boden, der im Jahre so oft umgewendet und so reichlich bewässert wird, bedarf unter diesem günstigen Himmel keiner mühsamen Bearbeitung.“

Unter „Sech“ ist der die Pfiugdeichsel durchstoßende eiserne Vor- schneider zu verstehen, der auch als Kolter bezeichnet wird. Wir haben hier nach Jariges’ Schilderung wohl den „arado romano“ in sehr ursprünglicher Form vor uns, denn Streichbretter finden sich auch heute nur vereinzelt auf der Halbinsel®.

Aus späterer Zeit berichtet Ziegler (I, 175), daß der Land- mann in der Umgebung von Valencia, wo der Ackerboden meist nur aus einer dünnen Erdschicht besteht, das Land „..... mit Pflügen, die man horcates nennt, bearbeitet, womit er die erste oberste

1 FoCoEsp I, 306/307.

2 GK 186 (Abb. 13).

8 Vgl. auch die Abb. von Pflügen aus dem französischen Baskenland bei Lhande, Dictionnaire basque-frangais 374 (Tafel: Golde I.

4 FoCoEsp I, 31i.

5 Vgl. im übrigen die Hinweise bei Krüger, HPyr C II, 88 ff.

6 Krüger, WS X, 67; HPyr C II, 8Bfl.; Aitken, El arado castellano. Anales del Museo dei Pueblo Espafiol I, 109 ff,

un 18

Schicht umwendet.“ Und an einer anderen Stelle (Ziegler I, 151) fügt er über diesen Pflug der Huerta von- Valencia hinzu:

„Derselbe war eine Art leichter Hakenpflug und wurde von einem Pferde, welches mit einem eigenthümlichen Geschirr in eine Art Deichsel gespannt war, gezogen." Es ist der noch heute in diesem Gebiet gebräuchliche, forcat ge- nannte, ganz leichte hölzerne Pflug, der von nur einem Pferde an einer gabelförmigen Deichsel gezogen wird, wobei die Bezeichnung jorcat von der Gabeldeichsel auf den Pflug selbst übergegangen ist’. Er reißt, wie auch Ziegler bemerkt, nur das oberste Erdreich auf‘.

Daneben äußert sich Ziegler (I, 229/230) ausführlich über das Pflügen bei Torremolinos in der Vega von Mälaga:

„Ein Bauer, der mit zwei Ochsen und einem erbärmlichen Hakenpfluge ackerte, ließ mich freundlich gewähren, als ich den Pflug mit eigner Hand ergriff. Der Boden war schwer zu bearbeiten .. . er wurde zu Mais vorbereitet. Die Vega war von Arbeitern belebt; wir sahen viele Pfüge in Bewegung und viele Menschen in Thätigkeit, welche letztere mit einer Art Hacke die Erdknollen zerschlugen. Die Bauart des Pfluges läßt, hinsichtlich der großen Friction an der Pflugscharsohle, viel zu wünschen übrig und der statt der Rister angebrachte, einfache, senkrechte Stock, der mit einer Hand regiert wird, dient gerade nicht zur sicheren Führung, sondern erschwert nur das Ackerwerk.“

Auch mit diesem „Hakenpfluge“ ist sicher nicht der heute noch in ganz spärlichen Resten auf der Pyrenäenhalbinsel belegte ursprüng- liche Hakenpflug gemeint’, sondern der weiterentwickelte „arado romano“, allerdings auch hier wieder ohne Streichbretter (= Rister, Riester, Rüster), die, wie bereits angeführt, nur in wenigen Land- schaften vorkommen. Er ist seiner Form nach sicherlich zu dem leonesischen Pflugtypus Krügers!® zu stellen, bei dem der Sterz, mit dem der Bauer den Pflug lenkt, ebenfalls aus einem einfachen, senkrecht auf der Pflugsohle aufsitzenden Stock besteht.

7 Vgl. auch die Abb. in Diec. Alcover I, 773/774.

8 Über den Bau des forcat vgl. Thede, VER VI, 3271. und Abb. 2 F (273). ® Vgl. Krüger, HPyr C II, 114—116.

10 GK, Abb. 13; Krüger, HPyr C Il, 888,

-1-

Endlich wird von Link aus Nordportugal ein „Hakenpflug“ | angeführt, worunter wieder der „arado romano" zu verstehen ist. So berichtet er aus der Provinz Douro e Minho (Link II, 24):

„.. man hat... hier einen sehr schlechten Haken, mit einem kurzen fast konischen Kolter und zwey Streichbrettern, welche das beste thun müssen. Er ist sehr schwer .. .*

Diesen kurzen Pflugsech (d.i. Kolter) trifft er auch in Chaves und Umgebung (Träs-os-Montes), also nahe der Grenze von Orense, an (Link III, 6):

„Man bedient sich eines Hakenpfluges mit einem sehr kurzen und gleichsam konischen Hakeisen, von welchem das Land nicht leicht durchschnitten wird."

Interessant ist hierbei die Erwähnung der Streichbretter für eine Landschaft, in der sie sich auch heute noch finden,

b) Laya= Grabscheit.

Trotz der oben angeführten Beispiele für Pflüge ist für das Baskenland die Laya das charakteristische Gerät für die Be- arbeitung der Felder!!. Von den deutschen Reisenden wird sie für Guipüzcoa und Biscaya bezeugt und zumeist dabei betont, daß die Besonderheiten des Geländes und des Bodens ihre Verwendung bedingen. So schreibt Willkomm (Wanderungen I, 224/226):

„Eigenthümlich ist die Bearbeitung des Boden in Guipuzcoa und Viscaya. Die Bauern bedienen sich nämlich nicht des Pfluges, um das Erdreich aufzulockern und umzuwenden, sondern graben und stechen vielmehr dasselbe um vermittelst eines nur in den beiden Landschaften gebräuchlichen Instru- mentes, welches sie Laya nennen. Die Laya ist eine Art zwei- zinkiger Gabel, drei Fuß lang und, mit Ausnahme des hölzernen, an den Stiel befestigten Griffes, aus Eisen geschmiedet. Dieses seltsame Werkzeug wird folgendermaßen gehandhabt. Die Arbeiter stellen sich neben einander in eine Reihe (daher kommt das spanische Sprüchwort: „Son de la misma laya“, d. h. sie haben gleiche Meinung, sind Meinungsgenossen.), in jeder

11 Vgl. Krüger, HPyr C II, 89.

en

Hand eine Laya haltend. Gleichzeitig erheben nun alle die Layas senkrecht, die Zinken nach unten ‚gekehrt, empor, und stoßen dieselben mit aller Kraft in den Boden, so weit die Gabel reicht. Dringen die beiden Zinken, deren jede etwa einen Zoll dick ist, nicht tief genug in den Boden, so treten die Arbeiter mit dem Fuße auf das dieselben verbindende Quer- eisen und stoßen die Gabel auf diese Weise vollends hinein. Hierauf drücken sie mit den Händen die Laya zu Boden, einen seitlichen Druck gegen den hölzernen Griff von außen her gegen sich selbst zu ausübend, und heben dadurch große Schollen des Erdreichs empor. Nicht selten ist dasselbe von so fester Consistenz, daß die Kraft eines Mannes nicht aus- reicht, um eine Laya, geschweige denn, um beide nieder- zudrücken. So ermüdend die Handhabung der Laya ist, so graben doch ein paar Arbeiter in einem Tage ziemlich viel Land um. Die Fremden wundern sich gewöhnlich, daß sich die Basken nicht des Pfluges oder wenigstens der bequemeren und weniger Kraftaufwand erfordernden Hacke bedienen, und nehmen dabei häufig Anlaß, über das lächerliche Festhalten der Basken an ihren von den Vätern ererbten Sitten und Gebräuchen zu spotten. Ich überlasse es kompetenteren Per- sonen, darüber zu urtheilen, ob die Laya durch den Pflug oder ein anderes Instrument vortheilhaft zu ersetzen ist, und be- merke blos, daß die Eingebornen von Vizcaya und Guipuzcoa’ behaupten, der Pflug lasse sich bei ihren Bodenarten nicht mit Nutzen anwenden. Allerdings liegen die Aecker in Guipuzcoa und Ober-Vizcaya häufig an so steilen Lehnen, und ist der Boden zugleich so stark mit Steinen vermengt, daß der Pflug, wenigstens der bei uns gebräuchliche, kaum anwendbar sein dürfte. Mit einer Hacke den Boden zu bearbeiten, würde eben so SRAREge En da eine solche viel zu wenig in den Boden eindringt . Wir haben hier eine so eingehende Beschreibung sowohl der laya wie ihrer Handhabung, daß nur weniges hinzugefügt zu werden braucht. Sogar die Maße des Ackergerätes sind zutreffend an- gegeben, denn die bei Aranzadi!? abgebildete laya hat eine Länge

ı2 FoCoEsp I, 293.

1

von rund 90 Zentimeter, wovon 65 Zentimeter auf die Zinken und 34 Zentimeter auf den Holzgriff entfallen. Doch scheinen örtlich starke Unterschiede zu bestehen. Während nämlich die in der Zeichnung wiedergegebene Laya enggestellte Zinken aufweist!®, haben die layas der Landleute auf Abb. S. 295 eine ganz ab- weichende, breitere Form!*.

Humboldt (Reiseskizzen 231) führt ebenfalls das dem Arbeiten mit der laya entlehnte Sprichwort an und gibt auch eine sprachliche Erläuterung:

„Man nennt dies Werkzeug .. . laya (laya, layatu, layaria, womit man das Werkzeug, die Handlung und den Arbeiter bezeichnet, scheinen mit laguna, Gesellschaft verwandt... .).“

Den Arbeitsvorgang schildert er folgendermaßen (Humboldt, Baskische Reise 374):

„Die Laya ist niedrig, mit dem Stiel wohl nur 2% Fuß hoch, die Leute arbeiten gebückt, sie treten aber nicht immer ganz hinauf, sondern drücken nur mit Einem Fuß beide zugleich tiefer in den Boden ein. Oft sah ich sie aber auch mit beiden Füßen auftreten.“

Während nach Baumgärtner (15/16) in Biscaya drei Per- sonen mit layas nebeneinander stehen und das Erdreich taktmäßig umgraben, verfährt man nach Wachenhusen (I, 50) in Guipüzcoa anders:

» . vier oder fünf Arbeiter stellen sich in Reih und Glied, ein anderer, mit einer Hacke in der Hand, stellt sich vor sie. Die Vier beginnen nun a tempo ihre Gabeln in die Erde zu stoßen, den Rasen in großen Stücken aufzubrechen, und diese Stücke umzuwerfen; der vor ihnen stehende zerschlägt das Rasenstück mit der Hacke und so geht die Gabelei den ganzen Tag hindurch, bis endlich der Acker aufgebrochen ist.“

Daß drei Landleute, in einer Reihe aufgestellt, die Layas hand- haben, ist auch nach Aranzadi!‘ das Übliche. Dabei hat die körper-

18 Ebenso eine laya im Museum für Völkerkunde zu Lübeck, Vgl. die Zeichnung (Abb. 17) bei Karutz, Die Völker Europas: 125.

14 Dieselben Formenunterschiede zeigen die layas der FoCoEsp I, 308 und 309 abgebildeten San-Isidro-Statuen.

18 FoCoEsp I, 295,

1

lich schwächste Person die Frau beispielsweise ihren Platz ın der Mitte. Meist wird aber die Anzahl der tayadores davon ab- hängen, wieviel Familienmitglieder als Hilfskräfte für die Arbeit des layas zur Verfügung stehen!*.

c) Egge und andere Ackergeräte.

Neben den Pflügen und der laya beobachtet Humboldt im Baskenland auch verschiedene Formen der Egge. So verzeichnet er für Marquina (Baskische Reise 393/394):

„Arrea die Egge, Sie besteht aus 4 miteinander verbunde- nen Balken, von denen jeder 6 starke eiserne Nägel hat. Die Balken sind enger, als bei unsrer Egge, und nach vorn enger als hinten, so ;

Hinten ist ein runder Spriegel a darauf angebracht, der einzeln bei b gezeichnet ist, bei dem der Eggende theils aufdrückt, theils die Egge aufhebt und wendet. Manchmal werden auch zum ferneren Eindringen noch Steine auf die Egge gelegt, weil sie zugleich zum Zermalmen dient.“

Über eine eiserne Egge berichtet er aus Durango (Humboldt, Baskische Reise 409):

„Hier hat man eine andre Art, Burdinaria, Eisen Egge. Die Zähne sind gerade heruntergehend, mehr eggenartig, und die des hintersten Queerholzes gehn zwischen die des vordersten.“!®a

Beide Geräte werden als burdifiara und arre von Aranzadi!? unter den baskischen Pflügen aufgeführt. Danach ist die burdifara ein

18 So arbeiten auf der FoCoEsp EX, 295 wiedergegebenen Photographie vier Landleute, zwei Männer und zwei Frauen zusammen.

162 Hierzu die Abb. S.28.

17 FoCoEsp I, 307.

„arado de cinco, siete o nueve puas“ und die arre ein „arado de 16, 20 o 24 puas“, wobei unter „arado“ wohl in weiterem Sinne ein Gerät zum Bearbeiten des Ackers verstanden sein soll. Aranzadi fügt mit Bezug gerade auf burdiüara und arre selbst hinzu: „los ültimos, mäs bien que arados, son rastrillos.“ Die Verwandtschaft mit dem Pfluge, insbesondere mit der baskischen nabasai, ist bei der burdiüara noch deutlich aus Humboldts Zeichnung zu erkennen, während die arre typische Eggenmerkmale aufweist. Diese kommt in der Form der sanabrisch-leonesischen Egge'® am nächsten, aller- dings mit dem Unterschied, daß die bezähnten Querhölzer bei der baskischen arre Längshölzer sind. Außerdem hat keine der nord- westiberischen Eggen den von Humboldt gezeichneten Spriegel zum Lenken und Wenden der Egge. Bemerken wir noch, daß die burdizara bei Humboldt sechszahnig ist, während nach Aranzadi fünf, sieben oder neun Zähne üblich sind.

Außer Humboldt berichtet nur Link (II, 7) über eine Egge aus Chaves, nahe der galizischen Grenze. „Die Eggen“, schreibt er, „gleichen den unsrigen, haben aber hölzerne Zähne... .“, was immerhin bemerkenswert ist, da für heute aus dem nordwest- iberischen Gebiet vorzugsweise Eggen mit eisernen Zähnen be- zeugt sind!?,

Wo im Baskenland Pflug und Egge verwendet werden, gibt es nach Humboldt ein besonderes Gerät, das zum Zerkleinern der noch übriggebliebenen Erdklumpen dient (Baskische Reise 393)?%:

„Mazua provinciell Mazuba, eine Art Schlägel, die härteren

noch übrigbleibenden Erdklöße entzwei zu schlagen, in dieser Art:*

18 Krüger, GK 228 (Abb. 16; IV). 18 Krüger, WS X, 80. 20 Vgl. Krüger, HPyr C II, 119.

Volkskundliches Seminar der Universität Bonn

BONN Poppelsdorfer Allee 25

Über die Handhabung sagt Humboldt (Baskische Reise 394) weiter:

„Nachdem sie (d.h. die Landleute) ... den Acker mit der Nabasaia umgearbeitet und darauf geeggt haben, .zer- schlagen sie einzeln mit der mazua die Klösse, dann kommt die Nabasaia noch einmal .. .“

Endlich berichtet Roßmäßler (I, 211/212) noch über ein Ackergerät, das man auf den bewässerten Feldern der murcianischen | Küstenebene in der Nähe von Mazarrön verwendete:

„Auf den Feldern der erwähnten Hacienda sah ich ein

ebenso einfaches als zweckmäßiges Ackergeräth in Anwendung, | womit ein Mann die zu bestellenden und zu bewässernden If Fluren eindämmte, Es war ein etwa 2 Ellen langer, 1 Elle II breiter und 1 Fuß hoher Kasten, dessen eine lange nach vorn gerichtete Seite ohne Wand war. Der Kasten ruhete in seinem N f kürzeren Durchmesser auf einer Axe, deren beide Enden beider- It seits des Kastens auf einem Schuhe ruheten. Der Kasten lag 1 mit seiner vorderen offenen Seite auf dem Erdboden auf und 1} stand hinten etwa eine Hand breit höher. An diesem höchst I} einfachen Fuhrwerk, oder mehr noch Schlitten, war ein Maul- esel gespannt und ein dahinter her gehender Mann fuhr das- selbe auf dem vorher sorgfältig geackerten und geeggten Boden dessen Breite nach hinüber und herüber. Während der Bewegung füllte sich der Kasten durch die vordere offene Seite allmählig mit Erde und wenn er dann an der Grenze der | Breite des Feldes angekommen war, so zog der Mann mittelst | eines vorn am Kasten, genau in der Mitte des Bodens oder

It der Sohle desselben, angebrachten Strickes den Kasten vorn | in die Höhe, daß er sich von vorn nach rückwärts überstürzte 11] und seinen Inhalt unter sich ausschüttete. Indem dies durch | zwei vorher an den beiden Seiten des Feldes gezogene kleine IN Furchen sehr sorgsam abgegrenzt war, wurde durch diesen | Kasten nicht nur mit großer Bequemlichkeit und Schnelligkeit

.

5

jederseits des Feldes ein schnurgerader Damm aufgeworfen, der nachher mit der Schaufel nur sehr geririger Nachhilfe bedurfte, sondern das Feld wurde zugleich sehr gleichmäßig geebnet; oder vielmehr es wurden die kleinen Unebenheiten wieder ausgeglichen, welche durch die Ackerung auf dem Felde, welches natürlich vorher eine wassergleiche Ebene sein mußte, vielleicht entstanden waren,“

Ein ähnliches Ackergerät wird nirgends erwähnt”. Zum Ein- ebnen der Felder dient zwar auch die antaulaora® in der Albufera von Valencia und anderen Reisbaugebieten der Halbinsel. Diese aber ist wie die Dreschtafel auf der Unterseite mit Messern besetzt und soll in erster Linie durch das Zerschneiden des Bodens das Abtrocknen der Felder beschleunigen?®.

2. Ernte und Erntegerät.

Soweit die Ernte und die dabei gebrauchten Erntegeräte von den deutschen Reisenden geschildert werden, handelt es sich fast ausschließlich um die Getreideernte. Die Arbeitsvorgänge, in Spanien wie im ganzen Mittelmeergebiet in vieler Hinsicht so ganz verschieden von denen im Norden Europas, haben den ausländischen Besuchern Gelegenheit zu zahlreichen interessanten Beobachtungen gegeben,

a) Das Schneiden des Getreides.

Über das Schneiden des reifen Getreides berichten die Reise- schriftsteller an sich nicht viel, Ganz überraschend ist eine Mit- teilung von Willkomm (Balearen 184), der in der Umgebung von Alicante beobachtet, „daß die dortigen Bauern das Getreide nicht abschneiden, sondern mit der Wurzel ausreißen“, eine Sitte, die sonst nirgends erwähnt wird. Aus der Mancha schreibt Plüer (268) über die Getreideernte:

„Man schneidet alles Getraide, man bindet die Garben ins- gemein mit Esparto oder Reisern, und sezet sie in kleine

Haufen .. .“

21 Vgl. über die Verbreitung der Ziehschaufel Krüger, HPyr C II, 127. 22 Thede, VER VI, 329. 28 Thede, VER VI, 3251.

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Daß man sich zum Schneiden des Getreides der gezähnten Sichel bedient, erfahren wir durch Fischer fReise 368), der aus der Gegend von Badajoz berichtet: „Man haut den Weizen büschelweise mit Sicheln ab, die sägenartig ausgezackt sind... .“ Über die heutige Verbreitung der gezähnten Sichel unterrichtet Krüger, "HPyr C II, 141/142.

Der an sich so gewöhnliche Vorgang des Schneidens gewinnt dadurch Interesse, daß es nicht überall auf der iberischen Halb- insel Sitte ist, das Korn mit den Halmen abzumähen oder ab- zuhauen: in gewissen Gegenden werden Ähren und Stroh gesondert geschnitten und eingesammelt. Immerhin ist die erstere Art am weitesten verbreitet.

Daß das Getreide in Garben auf den Dreschplatz gebracht wird, führen Schuemberg (36: bei Irun) aus dem Baskenland, Jariges (114: Umgebung von Valladolid, Rehfues (I, 238: zwischen Burgos und Madrid), Plüer (56: bei Paredes) aus Alt- kastilien, Gail (IV) aus der Mancha und Waltl (204) aus An- dalusien an. Dasselbe gilt in der Gegenwart für viele Gebiete der Halbinsel, beispielsweise Sanabria und seine Nachbargebiete, Nord- west-Leön und Orense®®, die Sierra de Gata?”, usw.

Anders verfährt man dagegen an der Nordküste. So berichtet Lorinser (Neue Reiseskizzen I, 139) aus der Umgebung von Santander:

. . an einzelnen Stellen waren die Landleute noch damit beschäftigt, die schweren und wunderbar reichen, goldnen Waizenähren mit der Hand abzupflücken und in Körbe zu sammeln, eine Art zu erndten, die zwar sehr mühsam ist, aber viele Vortheile besitzen soll. Die stehen gebliebenen Halme ° werden dann später mit der Sichel abgeschnitten, oder, wo man des Strohes nicht bedarf, auf dem Felde als ein sehr gutes Düngungsmittel verbrannt.*

Hiermit stimmen auch die Äußerungen überein, die Plüer (268) vor ihm über dieselbe Landschaft macht. Er schreibt, daß man

26 Krüger, GE 246. 27 Bierhenke, Das Dreschen in der Sierra de Gata, VER II, 1929, 24.

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. „in Asturien und auf der nordlichen Küste ... auf dem Felde blos die Aehren abschneidet und drjscht, und nachher das Stroh abmähet. Durch dies Abschneiden wird weniger Getraide verloren, welches, weil es sehr trocken und reif ist, leicht beim Mähen ausfallen würde... .“ j

Die Sitte scheint jedoch nicht auf den Norden der Halbinsel be- schränkt zu sein, denn Willkomm (I, 175/176) schildert die Ge- treideernte in der Nähe von Catarroja in der Huerta von Valencia wie folgt:

“Weberall waren die Landleute in der Weizenärndte be- schäftigt. Sie schneiden blos die Aehren mit Sicheln ab und schaffen sie auf die... „Eras“, wo sie sogleich ausgedroschen oder vielmehr ausgetreten werden ... Das auf den Feldern zurückgebliebene Stroh wird zum Theil in Hechsel zer- schnitten; die übrigbleibenden fußhohen Stoppeln zündet. man an und ihre Asche dient als einziges Düngungsmittel für die Aecker.“

Ebenso wird heutzutage in der Vega von Granada der Weizen etwa halbhoch mit der Sichel gemäht; die stehenbleibenden Halme werden abgebrannt?®.

Auffällig ist, daß nach Lorinser in Asturien die Ähren mit den Händen abgepflückt werden. Hiermit ist wohl das Ausreißen der Ähren unter Zuhilfenahme der mesorias gemeint, jener eigen- tümlichen asturischen Holzstäbe, die Krüger?? dort vorgefunden hat.

Nicht ganz eindeutig ist die Beschreibung des Erntevorgangs in Burriana, nördlich von Valencia, die Roßmäßler gibt. Denn während er (II, 228) an einer Stelle berichtet, daß man den Weizen vom Felde einbrachte, „und zwar auf dem Rücken der Pferde, die je 20 schwere Garben trugen“, sagt er bei der Schilderung des Dreschvorgangs mit der Dreschtafel:

„. .. Auf einem großen runden geebneten Stück Feldes waren etwa fußhoch die abgeschnittenen Aehrenenden des Weizens aufgeschüttet.“ (Roßmäßler II, 227.)

Es sieht also aus, als ob vor dem Dreschen die Ähren von den Halmen abgetrennt worden wären.

28 Bernt, Die Bauernhäuser der Provinz Granade 6, . 2.WS X, 8l,

_—

b) Das Dreschen.

Das Dreschen des Getreides erfolgt bis auf den heutigen Tag in großen Teilen der südlichen Romania und insbesondere auch auf der Pyrenäenhalbinsel noch nach uralten Verfahren, die sich von ‚den im Norden Europas üblichen wesentlich unterscheiden. Die vielen Aufzeichnungen, die sich darüber in den Reiseberichten finden, zeigen, wie stark die Reisenden den Gegensatz zu den heimatlichen Gebräuchen empfunden haben.

Schon der Ort, an dem sich das Dreschen abspielt, die Tenne, hat in besonderem Maße das Interesse der Deutschen erweckt. Ist doch im Norden das Dreschen im Freien allein wegen des wenig beständigen Wetters nicht möglich, Hackländer (I, 293) be- schreibt die meist erhöht vor den Ortschaften angelegten Dresch- plätze aus Alcira in der Provinz Valencia wie folgt:

„Als wir die Stadt erreicht hatten, bemerkten wir auf einem erhöhten Plateau neben der Straße runde, gepflasterte Plätze, jeden von vielleicht zwanzig, dreißig und mehr Fuß im Durchmesser, einen neben dem andern, so daß es von Weitem aussah, als sei der Boden mit runden Steinplatten bedeckt. Wir sahen dergleichen später in der Nachbarschaft der meisten kleineren Städte. Es sind dieses Frucht-Tennen, auf denen Korn und Waizen vermittelst Pferden und kleiner Schlitten aus- getreten und ausgedrückt werden.“

Und ähnlich ist der Eindruck, den die nebeneinander liegenden Tennen bei Jaen auf ihn machen (Hackländer II, 243):

„Ein Hügel am Rande der Stadt bedeckt mit runden Plätzen zum Dreschen des Getreides einer den andern berührend und ein eigenthümliches großes Mosaikpflaster nachahmend, nahm sich ... ganz originell aus.“

Dies sind die einzigen Beispiele, daß ein Reisender von der Häufung von Dreschplätzen an einem bestimmten Punkte spricht. Sonst liegen sie oft zerstreut im Umkreis der Dörfer und Städte?, Wenn sie hier zusammengedrängt angelegt sind, so waren wohl örtliche Bedürfnisse maßgebend dafür, denn flache Bergkuppen oder andere

9 Bierhenke, VER II, 22,

m

dem Winde ausgesetzte Stellen werden mit Vorliebe für die Anlage ausgewählt®!. . > 5

Wie Hackländer berichten auch die meisten anderen Reisenden, daß die Tennen gewöhnlich rund und gepflastert sind. So schreibt Schuemberg (36) aus Irün:

„Die Spanier... .. lassen... ihr Getreide auf runden, mit scharfen und spitzigen Kieseln und Steinen gepflasterten Plätzen, welche unsre Scheuntennen vorstellen, von ihren (beschlagenen) Maulthieren und Ochsen austreten . . .“

Ebenso sagt Plüer (268) über die Dreschplätze in der Mancha: „Die Tennen sind gemeiniglich mit kleinen harten Kieseln ge- pflastert .....“ Von einer eigentümlichen Art der Pflasterung er- fahren wir durch Humboldt (Spanienreise 314), Bei den Dörfern im Soto de Roma in der Nähe von Granada bemerkt er

„die gepflasterten Terrassen, auf denen man unter freiem Himmel das Korn durch Pferde oder Maulthiere austreten läßt. Hier waren sie viereckt“, fährt er fort, „sie sind bis in Cata- lonien hinein Sitte, dort sah ich meist runde, und die Steine hatten eingehauene Diagonalen, damit entweder die Körner besser hineinfallen, oder die Thiere auf den Steinen besser treten können.“

Daß die Tennen von einer Steinmauer eingefaßt sind oder mit einem Kranz aufrechtgestellter Steine umgeben sind, wie in der Sierra de Gata®, lesen wir nirgends in den Reiseberichten,

Neben den gepflasterten Tennen erwähnen Reisende teilweise aus denselben Landschaften, nur befestigte Tennen, so daß dies aus der Sierra de Gata noch für heute bezeugte Nebeneinander von gepflasterten und ungepflasterten Dreschplätzen®® in weiten Teilen der Halbinsel üblich gewesen zu sein scheint. So schreibt Roß- mäßler (II, 227) aus Burriana in der Huerta de Valencia, daß man die Weizenähren zum Dreschen „auf einem großen runden ge- ebneten Stück Feldes“ aufgeschüttet hatte. Ebenso berichtet Walt! (204) aus Andalusien, daß das geschnittene reife Getreide zum Aus-

31 Vgl. Bierhenke, VER II, 20; Krüger, HPyr II, 184 ff. 32 Bierhenke, VER IH, 20, 23. 98 Bierhenke, VKR II, 20,

‚Diese primitiven Hütten und Ställe haben wohl nicht allein dem

30

treten „auf einen geebneten und rein gemachten Platz in der Nähe geführt“ wird. Und endlich erfahren wir durch Laurens (147) aus der Umgebung von Estella, Provinz Alava (Baskenland), daß man das Getreide „... . unter freiem Himmel auf einem geebneten, festgestampften Platze durch Pferde austreten läßt“.

Während die Anlage der Tennen auf dem Felde als das Ur- sprüngliche anzusehen ist, befinden sie sich heute vielfach in un- mittelbarer Nähe der Dörfer und Ortschaften. Die Weiträumigkeit der Mancha dagegen bringt es mit sich, daß sie dort oft weit von jeder menschlichen Behausung entfernt liegen. „Die Tennen, auf welche man gleich alles Getraide in Garben zusammen führet, und ohne Aufschub ausdrischt, sind auf dem Felde selbst unter freyem ° Himmel“, schreibt Plüer (268). Der fehlenden Dorfnähe sucht man mit den einfachsten Mitteln abzuhelfen:

„Die einzige Bedeckung“, fährt Plüer fort, „welche wir bisweilen bey den Tennen bemerket haben, war für die arbeitenden Thiere und Menschen, um unter einigem Schatten bey der brennenden Sonnenhitze gehen zu können. Eine mit Esteros, so nennet man die von Esparto geflochtene Matten, gedeckte Hütte dienete zur Zuflucht der Arbeiter, und die Stallung der Thiere bestand aus einigen in die Erde gesezten Pfälen, über welches ein gleiches Dach geschlagen war.“

Sonnenschutz zu dienen; sie stellen vielmehr Unterkunftsräume für die Nacht dar, denn in der Mancha pflegen die Landleute „nach ihren weit. entlegenen Aeckern für die Bestell- und die Erndtezeit mit Menschen und Vieh ganz überzusiedeln, die unentbehrlichen Bedürfnisse mit sich hinaus nehmend“ (Goeben I, 44)%,

Unter den von den Reisenden geschilderten Dreschmethoden steht neben dem einfachen Austreten durch Tiere der Gebrauch der auch heute noch weitverbreiteten Dreschtafel obenan. Gelegentlich wird der Dreschflegel erwähnt.

Das Verfahren, Getreide durch die Hufe von Tieren zu entkörnen, gemeinhin pisoteo genannt, ist am ältesten. Ursprüng-

% Vgl. den Bericht aus der Neuzeit bei O. Jessen, La Mancha. Hamburg 1930, S. 160/161.

gl

Een in den ganzen Mittelmeerländern zu Hause, ist es gegenwärtig "noch in vielen Teilen der iberischen Halbinsel bekannt”. Die

deutschen Reisenden berichten über den pisoteo aus dem Basken- land und aus Andalusien, wobei je nach den örtlichen Verhält- nissen bald die einen, bald die anderen Tiere verwendet werden. Wie Schuchardt®® das Austreten des Getreides durch Ochsen oder Pferde aus Orozco (Biscaya) anführt, so hat Laurens (147) dieselbe Beobachtung zwischen Estella und Muski in der Provinz Älava gemacht:

„Ueberall auf diesem Wege fanden wir die Landleute mit der Kornernte beschäftigt ... Auffallend war mir die Art und Weise, die hierbei beobachtet wurde, indem man das Getreide ‚.. unter freiem Himmel auf einem geebneten, festgestampften Platze durch Pferde austreten läßt.“

Und ebenso schreibt Schuemberg (36), die Bauern bei Irün (Guipüzcoa) „lassen ... ihr Getreide ... von ihren (beschlagenen) Maulthieren und Ochsen austreten“. Aus Andalusien berichtet Waltl (204), das Getreide wird auf der Tenne

„... in einem Kreise herumgelegt, und darauf mehrere Paar Pferde so lange in der Runde herumgetrieben, bis das Stroh wie Häckerling geworden ist... Diese Methode kann nur in einem Lande ausgeführt werden, wo das Stroh sehr dürr wird, so daß das Korn durch den Hufschlag schon aus den Hülsen geht, ferners wo kein Regen zu fürchten ist; denn zum Aus- treten einer bedeutenden Quantität Getreide braucht man mehrere Tage, während welcher es im Freien liegen bleibt.“

Auch Humboldt (Spanienreise 314) erwähnt, daß man auf den ‚gepflasterten Tennen in der Nähe Granadas „... unter freiem Him- mel das Korn durch Pferde oder Maulthiere austreten läßt*?.

: Eine: wichtigere Rolle als das einfache Austreten durch Tiere aber spielt die Dreschtafel. Auch diese ist ein uraltes, im

35 Über die Verbreitung vgl. Bierhenke, VKR II, 26/27, Krüger, HPyr

‚cu, 289 ff.

se Sachwortgeschichtliches über den Dreschflegel, ZRPh XXXIV, 292. # Daneben gibt es freilich auch den Dreschschlitten; vgl. O. Quelte, Beiträge zur Landeskunde von Ostgranada. Hamburg 1914, 5.33.

la

Mittelmeergebiet weit verbreitetes Erntegerät, dessen Gebrauch auf der Pyrenäenhalbinsel noch heute großenteils mit dem Vorkommen des pisoteo zusammenfällt®#®, Die deutschen Reisenden haben die Dreschtafel in Altkastilien (bei Cervera: Felder II, 113; zwischen Valladolid und Astorga: Jariges 114/115; bei Paredes: Plüer 56), in Neukastilien (bei Vallacas: Lauser 316; in der Mancha: Plüer 268/69 und Gail VIII) und in Valencia (bei Burriana: Roßmäßler II, 227; in Aleira: Hackländer I, 293) beobachtet. Die Dreschtafel dient neben dem Entkörnen des Getreides, bei dem die Zugtiere durch Austreten mithelfen, dazu, das Stroh zu Häcksel zu zerkleinern.

Über das Dreschen mit der Dreschtafel, die allgemein trillo heißt, berichtet Jariges (114/115) auf der Reise zwischen Valladolid und Astorga:

„Während eines Haltes zu Mittag hatte ich Gelegenheit, die sonderbare Art, das Korn zu dreschen, genau in Augenschein zu nehmen. Das Getreide ist in einem Kreise umhergelegt, ganz eben und nicht sehr hoch; ein starkes Bret, unten mit mehrern Reihen von scharfen Flintensteinen versehen, wird von einem oder zwei Maulthieren oder Ochsen darüber mehrmals hingezogen, bis das Stroh fast wie Hechsel zerstückelt ist... . Gewöhnlich steht der Bauer, der das kleine Fuhrwerk treibt, auf dem Brete, das etwa die Größe unserer Eggen hat, öfters aber macht er es sich bequemer, und sitzt auf einem kleinen Stuhle. Komisch ist der Anblick dieses Dreschens, das die Spa- nier trillar nennen; der Bauer in seinem braunen Mantel und brauner Tuchmütze, einen langen Stab in der Hand haltend, womit er den schleichenden Stier antreibt, und mit gra- vitätischer Ruhe auf dem kleinen Sessel sitzend, gleicht einem Zauberer, der ,„.. seine magischen Kreise um sich herzieht. Als ich einigen Landleuten sagte, daß man das Korn bei uns mit Schlägeln ausdresche, meinten sie, das müsse sehr mühsam seyn, und lobten ihren Trillo.“

Eine noch genauere Beschreibung des trillo selbst gibt Felder (TE, 113) aus Cervera an der altkastilisch-asturischen Grenze:

38 Näheres hierliber bei Bierhenke, VER II, 28-30; Krüger, HPyr C II, s319ff. Vgl. auch die Belege für das Vorkommen auf spanischem Boden bei Luquet-Rivet, Sur le tribulum. M&langes Iorga, Paris 1933, 616, !

T, ei

KR

„Era = Ein freier wie eine Tenne festgeklopfter Platz

i - außerhalb den Dörfern. Auf diesem werden die losgebundenen

.. Garben im Kreise umhergelegt und dann vermittelst dreier wie

eineThüre zusammengefügter Bohlen, an denen vorne ein eiserner

Ring angebracht ist, und die mit vielen scharfen Steinchen oder

Eisenstücken am untern Theil beschlagen sind, kurz zer-

schnitten und ausgedroschen, Der Bauer sitzt, um diese Dresch-

. maschine zu beschweren, auf einem Stühlchen in Mitte der-

selben und treibt von hier aus die am Ring ziehenden Thiere an.“

Halten wir zum Vergleich noch die Schilderung von Roßmäßler (u, 227) aus Burriana daneben, der schreibt:

„Es wurde eben gedroschen, Auf einem großen runden geebneten Stück Feldes waren etwa fußhoch die abgeschnitte- nen Aehrenenden des Weizens aufgeschüttet. Im Mittelpunkte dieser extemporirten Tenne stand ein Mann, der an einer langen Leine zwei Maulthiere, denen die Augen mit kleinen aus Esparto geflochtenen halbkugeligen Schalen verbunden waren, in bald kleineren bald größeren Kreisen herumtrieb. Sie zogen hinter sich ein dickes etwa vier Fuß langes und zwei Fuß breites Bret auf den Aehren herum, welches auf der Unterseite mit kleinen Eisenstücken gespickt war. Oben war es durch einen etwa 3 Centner schweren Stein belastet.“

Damit sind bereits alle wesentlichen Merkmale der Dreschtafel aufgeführt. Daß sie aus drei Brettern zusammengesetzt ist, bemerkt ausdrücklich nur Felder in der obengenannten Stelle, Diese Form findet sich auch noch heute im katalanisch-valeneianischen Gebiet, in der Sierra de Gata und in Moncorvo in Portugal”, Die anderen Reisenden erwähnen die Dreschtafel als „ein viereckichtes Bret einer Quadratelle“ (Plüer 268) aus der Mancha, „ein dickes vier- eckigtes Bret“ (Plüer 56) aus Altkastilien, „ein dickes etwa vier Fuß langes und zwei Fuß breites Bret" (Roßmäßler II, 227) aus Burriana, also aus einem Stück, wie sie auch noch heute für

39 Meyer-Lübke, Zur Geschichte der Dreschgeräte, WS I, 220; Bierhenke, VER II, 30; Krüger, HPyr C II, 319 ft.

ne 4

Kastilien‘® sowie für Braganca“! bezeugt ist. Die auf Tafel 8 bei Gail dargestellte Zeichnung des Dreschens in der Mancha läßt die vordere der beiden Dreschtafeln gut erkennen. Diese stimmt auf- fallend mit der von Bierhenke“ für die Sierra de Gata beschriebe- nen überein: der trillo mißt ungefähr 1 m in der Länge und in der Breite, er besteht aus zwei mehrere Zentimeter dicken Brettern, die nach vorn zu aufgebogen sind. Diese werden durch zwei je 20 cm breite Querriegel zusammengehalten. An jedem Brettende stehen zwei dicke Nietenköpfe hervor. Diese zweiteilige Form findet sich neben der dreiteiligen ebenfalls in der Sierra de Gataf2, Die Belege für das Vorkommen der zweiteiligen neben der drei- teiligen Dreschtafel im Gebiet von Valencia, sowie der aus einem wie aus zwei Brettern bestehenden in der Mancha, lassen auch für diese Landschaften (wie für die Sierra de Gata) auf den Gebrauch der verschiedenen Typen nebeneinander schließen,

Die angeführten Schilderungen zeigen weiter, daß die Dresch- tafel auf der Unterseite mit Vorrichtungen zum Schneiden besetzt ist. Felder (II, 113) berichtet aus Cervera, daß die Bretter der Dreschtafel „mit vielen scharfen Steinchen oder Eisenstücken am unteren Theil beschlagen sind“, während Jariges (114) aus der Umgebung von Valladolid anführt, daß der trillo „unten mit meh- rern Reihen von scharfen Flintensteinen versehen“ ist. Nach Plüer (268/69) ist in der Mancha ebenfalls die Dreschtafel „unten ein- gekerbet, und mit kleinen scharfen Feuersteinen reihenweise be- schlagen“. Dem steht die Schilderung von Roßmäßler (II, 227) aus Burriana gegenüber, wo die Dreschtafel „auf der Unterseite mit kleinen Eisenstücken gespickt war".

Die Verwendung von Feuersteinsplittern, die man sich am leich- testen beschaffen konnte, ist neben der von anderen Steinen das Ursprüngliche. Erst in neuerer Zeit treten Eisenstücke, Teile von Hufeisen und Sägen oder speziell für diesen Zweck gearbeitete eiserne Messer an ihre Stelle, wobei es sich zumeist um den all- mählichen Ersatz abgenutzter oder herausgefallener Steine handelt,

40 A. Schulten, Kastilische Bauern. Deutsche Rundschau CLVI, 1913, 449. 41 Coelho, Portugalia I, 641.

42 VER II, 30.

43 Bierhenke, VER II, 30.

5

ein Vorgang, wie er noch as vielenorts auf der Halbinsel zu beobachten ist*, .

Hinsichtlich der zum Ziehen der re: ver- wendeten Tiere bestehen ähnliche landschaftliche Unterschiede, wie wir sie beim Austreten des Getreides kennengelernt haben. Ochsen, Maultiere, Pferde, Esel werden einzeln, zu zweit oder zu dritt vor den trillo gespannt. Wie man nördlich der Sierra de Gata Rinder benutzt, südlich davon aber meistens Maultiere und Esel#, so berichten auch Jariges (114) und Plüer (56) aus Alt- kastilien, daß man zum Dreschen mit der Tafel ein oder zwei Ochsen oder Maultiere verwendet. Dagegen nennen Lauser (316) als Zugtiere aus Vallacas in Neukastilien Pferde, Maultiere und Esel, Plüer (268/69) aus der Mancha Maultiere und Roß- mäßler (II, 227) aus Burriana (Valencia) ebenfalls Maultiere. Auf der Zeichnung von Gail (Tafel8) aus der Mancha wird auf der Tenne mit zwei Dreschtafeln gedroschen, deren jede von drei Pferden gezogen wird. Die Pferde sind nebeneinander mit je zwei Strängen an eine Zugstange angeschirrt, welche durch ein ungefähr ein halbes Meter langes Seil an der Dreschtafel befestigt ist. Gail (VII) schreibt dazu:

» . . es möchte wohl für viele unserer Rossebändiger eine nicht so leichte Aufgabe seyn, auf einem einfachen nach forne etwas aufgekrümten Brette stehend zwei und mehr muthige, schwach geschirrte Pferde ohne Deichsel im engen Kreise auf ausgebreiteten Garben herumzutummeln, bis alle Körner aus den Hülsen gefallen sind.“

DaB die Tiere beim Dreschen Maulkörbe tragen, wie Bierhenke aus der Sierra de Gata für die Gegenwart anführt“®, wird von keinem der Reisenden berichtet. Diese Sitte scheint in weiten Teilen Spaniens ebenso wie auf Mallorca” unbekannt zu sein. Interessant ist dagegen Roßmäßlers oben wiedergegebene Beobach- tung aus Burriana, daß den beiden Maultieren beim Dreschen „die

“4 vgl. Luquet-Rivet, Sur le tribulum, 627/628; Bierhenke, VKR II, 3.

45 Bierhenke, VER II, 37.

4 VER II, 38. ,

41 Rokseth, Terminologie de la culture des cör&ales Majorque, Bar- celona 1923, sagt nichts darüber.

Augen mit kleinen aus Esparto geflochtenen halbkugeligen Schalen verbunden waren“, ein Verfahren, das noch heute in vielen Formen verbreitet ist.

- Um die Dreschtafel zu beschweren, werden verschiedene Methoden angewandt. Daß der Lenker des Gespanns auf einem stuhlähnlichen Sitz mit der Dreschtafel im Kreise herumfährt, be- richten sowohl Jariges (114/115) wie auch Felder (II, 113), beide ungefähr aus derselben Gegend, dem nördlichen Altkastilien und Leön. Wie aus Jariges’ Darstellung deutlich hervorgeht, ist diese Art, das Gespann zu lenken, an die Verwendung von Ochsen als Zugtiere gebunden“, deren geruhsamer Gang das Lenken er- leichtert und bei dem langsamen Fortschritt der Arbeit das Bedürf- nis nach einer Sitzgelegenheit entstehen ließ. Wo Maultiere, Pferde oder Esel die Stelle der Ochsen vertreten vorwiegend im mittle- ren und südlichen Teil der Halbinsel —, treibt der Lenker zumeist auf der Dreschtafel stehend die Tiere an“. So schildert Plüer (56/57) aus der Gegend von Paredes (Altkastilien) die Dreschtafel als „ein dickes viereckigtes Bret, worauf ein Manns- oder Weibsbild steht“, Und derselbe Verfasser (Plüer 268/69) berichtet von dem trillo in der Mancha: „... auf selbiges tritt ein Kerl, und treibt zwey daran gespannte Maulthiere beständig im Kreise herum.“ Eine noch andere Beobachtung hat Roßmäßler (II, 227) in Burriana gemacht. In der bereits wiedergegebenen Beschreibung führt er an, die Dreschtafel war oben „durch einen etwa 3 Centner schweren Stein belastet“, ein Verfahren, das heute noch in Träs-os-Montes und in der Sierra de Gata üblich ist.

Dreschflegel.

Obwohl der pisoteo oder die Dreschtafel auf der Pyrenäen- halbinsel durchaus vorherrschen, gibt es doch im Norden ein größeres zusammenhängendes Gebiet, das Teilgebiete der Pyrenäen, die baskischen Provinzen, Asturien sowie Teile von Leön, Galizien und Portugal umfaßt, in dem der in Mittel- und Nordeuropa ge-

48 Hierzu Bierhenke, VKR II, 38. 4 Vgl. Bierhenke, VKR II, 38. . 50 Bierhenke, VKR II, 39,

sl

bräuchliche Dreschflegel in verschiedenen Varianten anzutreffen ist?!, Daneben ist er für die Alpujarras bezeugt. - .

Auch unsere Reisenden erwähnen verschiedentlich das Dreschen mit Hilfe des Dreschflegels. So berichtet P lüer (268), „in Asturien und auf der nordlichen Küste drischt man auch das Getraide auf unsre im Norden gewöhnliche Art“, und Jariges (121), der in einem Dorfe bei Villafranca in Leön eine „zeltförmige Strohhütte“ bemerkt, schreibt dazu: „Hier bedient man sich wie bei uns der Dreschflegel, daher die Strohhütten und das Strohlager, das uns auf der gepflasterten Hausflur zu Theil ward.“ Im Grenzgebiet zwischen Spanien und Portugal, in der Serra do Gerez zwischen Orense und Minho hat auch Link (III, 56) das Dreschen mit Dreschflegeln beobachtet:

„Die Drescher stellen sich in zwey Reihen gegen einander über, und lassen die Dreschflegel in einem langsamen Tact auf einmal fallen. Diese sonderbare Art haben wir hin und wieder in Minho bemerkt.“

Auffallend ist zunächst, daß Willkomm (Il, 108) den Dresch- fiegel auch im Süden der Halbinsel angetroffen hat. Über den Ab- stieg in das Tal von Trevelez in den Alpujarras berichtet er:

„.. ungefähr nach einer Stunde kamen wir an große Strecken bebauten Landes und entdeckten einen kleinen Cortijo, in dessen Nähe eine Menge Arbeiter beschäftigt waren, auf einer „Era“ Roggen auszudreschen. Es war dies das erste Mal, daß ich Getreide mit Flegeln ausdreschen sah wie bei uns... .“

Die Erklärung dieser Erscheinung hat Krüger, HPyr c I, 331 ge- geben.

c) Worfeln und Sieben des Getreides.

Von den auf das Dreschen des Getreides folgenden Ernte- verrichtungen werden das Zusammenhäufen des Ausdrusches und das Errichten des Getreidehaufens®® von den Reisenden übergangen. Dagegen hat das Reinigen des Getreides durch Worfeln und Sieben verschiedentlich ihre Aufmerksamkeit erregt. Während man in Teilen der Hochpyrenäen®®, in Portugal, auf den Balearen, in der

51 Vgl. Bierhenke, VKR II, 68. Über die heutige Verbreitung vgl. Krüger, HPyr C II, 264 ff., 329 ff.

52 Vgl. Bierhenke, VKR II, 42 ff. 58 Krüger, Worfeln und Verwandtes 5; HPyr C II, 349 ff.

En > 38.

Sierra de Gata und änderen Teilen der Halbinsel zum Worfeln sowohl Gabel wie Schaufel benutzt, wird in den Reiseberichten als Gerät nur die Schaufel angeführt. Dabei stammen alle Schilde- rungen aus Gebieten, in denen die Dreschtafel oder der „pisoteo“ üblich sind.

So schreibt Plüer (270) über das Worfeln in der Mancha:

„Man worfelt das ausgedroschene Getraide gleich auf der Tenne, wobey man sich langer Schaufeln bedienet. Diese Arbeit geschieht des Morgens früh, und des Abends gegen den Wind, welcher alsdenn gemeiniglich etwas bläset, und die Spreu zurück treibt.“

Ebenso berichtet Waltl (204) aus Andalusien, nachdem er von dem Austreten des Getreides gesprochen hat: „Dann wird es mit einer Schaufel geworfen, am liebsten, wenn der Wind weht.“ Ein- gehender schildert Lauser (316) den Vorgang aus Vallacas (Neu- kastilien), wobei allerdings der Begriff „Worfel“ unklar bleibt:

„Wir stehen in den ersten Tagen des Juli; in der Nähe der Dörfer sind ganze Berge frischgeschnittener Frucht auf- geschüttet; die Luft ist erfüllt von Spreu und Strohtheilchen, die launenhaft bald hierher, bald dorthin fliegen, während die schweren Körner, die mit ihnen von der Worfel empor- geschleudert werden, zu den Füßen des Bauern niederfallen.“

Auf das Worfeln folgt zur weiteren Reinigung des Getreides gewöhnlich noch das Sieben®. Jariges (114) beobachtet aller- dings zwischen Valladolid und Astorga nur das Aussieben des ge- droschenen Korns: „... . die Körner werden... .. durch ein Sieb von der Spreu getrennt“, ein Verfahren, das an Stelle des Worfelns meist nur in den Gegenden üblich ist, wo der Dreschflegel die Dreschtafel ersetzt#. Auch Roßmäßler (II, 232) berichtet von dem Reinigen des Getreides aus Burriana. Seine ausführliche Dar- stellung steht ganz für sich und ist in mehrfacher Hinsicht inter- essant:

54 Bierhenke, VKR II, 50 und 50, Anm. 4. 3 Bierhenke, VER II, 53, sa Krüger, Worfeln und Verwandtes, 8; HPyr C II, 354 ff.

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kb)

„Es kann nicht fehlen“, schreibt er, „daß das Getreide, wenn es auf der Stegreiftenne ausgerieben’ ist,'’sehr mit Erd- klümpchen verunreinigt sein muß. Um diese zu beseitigen, läßt sich der spanische Bauer folgende sehr langsam fördernde Arbeit nicht verdrießen. Ich sah auf dem Markte große Espartomatten, estera, ausgebreitet. Darauf standen mit frisch gedroschenem Getreide gefüllte Säcke. Aus diesen schöpfte die Tochter des Landmannes, der vielmehr ein Bürger Burrianas sein mochte, ein paar Hände voll in einen großen hölzernen Mörser, einen etwa 1 Fuß tief ausgehöhlten Feigenstamm und stampfte die kleine Masse des mit Erde verunreinigten Ge- treides einige Augenblicke mit einer hölzernen Keule, um letztere in Staub zu verwandeln. Dann löffelte sie das Getre.ds mit einem kleinen Teller heraus auf einen Haufen auf die Matte, die so dicht und schön geflochten ist, daß kein Korn hindurchfällt. Der Vater raffte davon ebenfalls kaum mehr als ein Mäßchen auf einmal in ein Sieb, um den Erdstaub ab- zusieben. Der Siebboden ist von Pergament, in welchem mit einem Locheisen sehr zierlich und regelmäßig kleine Löcher ausgeschlagen sind.“

Das Sieb mit dem Boden aus Tierhaut ist das auch für Teile Kata- loniens, Asturiens und vereinzelt noch für die Sierra de Gata be- zeugte””. Das Stampfen des Getreides in einem Mörser wird nirgends erwähnt. Auffallend ist ferner, daß das Sieben des Ge- treides nicht auf der Tenne erfolgt, was allerdings wohl auch in anderen Teilen der Halbinsel üblich zu sein scheint?®,

d) Die Aufbewahrung des Getreides.

Die Aufbewahrung des Getreides konnte nur insoweit Gegen- stand der Aufmerksamkeit der Reisenden werden, als hierzu be- sondere, auffallende Bauten in Frage kamen, Dies trifft für die Maisgebiete Nordwestspaniens und des nördlichen Portugal zu, in denen der charakteristische Pfahlspeicher hörreo zu finden ist”.

57 Bierhenke, VER II, 55; Krüger, HPyr C II, 35 ff.

58 Vgl. Bierhenke, VKR II, $4, Anm. 1.

58 Über die Verbreitung vgl. Frankowski, Hörreos y palafitos de la peninsula iberlca 5,

40)

Diese uralten Kornspeicher haben die deutschen Reisenden im Baskenland, in Asturien und in Galizien gesehen ‘und beschrieben. Humboldt (Baskische Reise 412) berichtet in seinem Tagebuch aus Durango über den baskischen garatja®:

„Eine Art Kornböden (Hechert) wie sie ehemals überall üblich waren, jetzt seltner sind. Wie bei uns die Taubenhäuser. Auf 4 runden Steinen stehen 4 steinerne abgestumpfte Pyra- miden, und auf jeder liegt ein runder Stein wie ein Mahlstein. Darauf ist das Gebäude gebaut. Die Treppe von Stein aber auf der letzten Stufe etwas ab von dem Hause, so daß man einen großen Schritt machen muß. Diess und die Mühlsteine wegen der Ratzen. Oben im Hause hob man das Getreide auf und rund herum hatte man Bienen.“

Danach waren sie also in den baskischen Provinzen schon vor mehr als hundert Jahren im Abnehmen begriffen, während nach Iturriza y Zabala®! um 1785 noch jedes Bauernhaus einen eigenen hörreo besaß. Heutzutage ist der baskische Getreidespeicher zu einer großen Seltenheit geworden; er findet sich nur noch vereinzelt in abgelegenen Gegenden“. Das Charakteristische des garaixe sind Dach und Giebel, die ohne weiteres die Verwandtschaft mit dem baskischen caserio erkennen lassen. Wenn Humboldt auch nicht näher darauf eingeht, so deutet er doch in Übereinstimmung mit den erhaltenen Beispielen ihr Aussehen an, wenn er schreibt, „wie bei uns die Taubenhäuser“. Steintreppe und Unterbau zeigen im übrigen die gleiche Form wie beim asturischen hörreo.

Über den asturischen hörreo unterrichten uns Felder und Lorinser. Felder (III, 31) schreibt:

„Besondere Art ihre Früchte, Fleisch, Speck etc. auf- zubewahren, besitzen diese Asturianer. Beinahe jedes Haus hat

@ So Humboldt. Andere Wortformen sind garaya (Iturriza 61), garalxe (Frankowski 29), garay (Aranzadi 348). Über die heutigen Bauformen vgl. AEuFo VI, 137 ff., VII, 127 ff.

61 Historia general de Vizcaya, hg. von P.Fidel Fita, Barcelona 1884, S.61 Anm,

62 Frankowski, a.a.0.28; AEuFo VI, 137—145; VII, 127—136; IX, 63-66; XII, 61.

63 Frankowski, a.a. 0.5.

al

in seiner Nähe oder dicht vor demselben, noch ein anderes, auf vier oder sechs aufrecht stehenden Balken »ruhendes, aus Brettern zusammengefügtes Häuschen (el orrio genannt) stehen; man steigt mittelst einer Leiter zu diesem luftigen Magazin, in dem meist alle Lebensmittel aufbewahrt sind, und wohin weder Maus noch Ratte gelangen kann.“

Leider läßt sich nicht feststellen, wo der Verfasser den asturischen orrio (neben hörreo kommt auch orro vor)? beobachtet hat. Ge- wöhnlich sind die Säulen, die den Speicher tragen, in Asturien aus Stein, seltener aus Holz. Außerdem führt meist eine Steintreppe zu der Türöffnung hinauf, während Leitern in Galizien verbreite- ter sind®,

Ausführlicher und zutreffender ist Lorinsers (Neue Reise- skizzen I, 164) Schilderung aus Colombres in Asturien:

„Stallung und Düngergrube und eine Art sonderbar ge- bauter Speicher fehlen fast niemals in der Nähe der Gehöfte. Diese letzteren haben eine höchst charakteristische, sehr malerische Form. Sie stehen auf vier kegel- oder pyramiden- artig gehauenen, säulenartigen Steinen, haben hölzerne Wände, und sind mit einem vorspringenden Dach von Hohlziegeln, das wie eine flache Pyramide in eine Spitze endigt, gedeckt, In ihnen wird nicht nur das Getreide, die Maiskolben und andere Feldfrüchte, sondern auch Obst, Heu usw. aufbewahrt.“

Auch in Südgalizien und Nordportugal besteht das Dach gewöhnlich aus Ziegeln®®, doch haben wir dort einen langgestreckten First.

Die galizischen hörreos hat Lorinser (Neue Reiseskizzen |, 357) an der Ria von Vigo kennengelernt. Er schreibt darüber:

„Aus dem üppigen Grün tauchten überall nette Häuser auf, neben denen, oder auch mitten auf den Feldern, sich ganz eigenthümliche, kleine, steinerne Baue erhoben, die fast wie kleine Capellen oder wie große Sarkophage aussahen, und alle mit einem netten, steinernen Kreuz geschmückt waren. Gleich- wohl sind es nur die hier zu Lande üblichen Speicher, die zur

% Frankowski, a.2.0.11. 65 Frankowski, a.a. 0.21. 66 Krüger, WS X, 90.

4) _—

Aufbewahrung der Maiskolben dienen. Diese kleinen Gebäude, die überall gleich Bundesladen auf den Feldern und neben den Häusern standen, verliehen der Landschaft einen ganz eigen- thümlichen Reiz. Nirgends habe ich etwas Ähnliches gesehen, was mit diesen capellenartigen, kleinen Speichern an der Ria von Vigo sich vergleichen ließe. Gleichwohl ist ein gewisser Anklang an die asturischen Speicher... .. nicht zu verkennen, obgleich diese viel größer sind und eine ganz andere Gestalt haben.“

Der Verfasser hat ganz richtig beobachtet, wenn er sagt, daß hörreos in Galizien im Gegensatz zu den asturischen kleiner und länger sind®’. Dagegen finden sich Holz- oder Steinkreuze (und -pyramiden) als Dachschmuck nicht nur in der Nähe von Vigo, sondern in ganz Galizien, und zwar am schönsten in der Umgebung von La Corufia®.

Darüber hinaus sind Kreuze als Giebelschmuck, meist sehr ein- fach, teilweise aber auch geschmackvoll geschnitzt, auch in der Albufera von Valencia verbreitet, wo sowohl die barracas wie auch Ställe und Speicher häufig damit verziert sind®.

3. Bewässerungsanlagen.

Die in vielen Teilen Spaniens verbreiteten Bewässerungs- anlagen, die sich besonders gut in den Gebieten ehemals maurischer Kultur an der Ostküste und in Andalusien erhalten haben, sind natürlich der Aufmerksamkeit der deutschen Reisenden nicht ent- gangen. Doch begnügen sie sich leider bei den Wasserhebewerken zumeist damit, die Gegenstände kurz zu beschreiben, ohne auf Einzelheiten näher einzugehen. Es werden angeführt: Wasserhebe- werke (norias, gruas), Bewässerungskanäle (acequias) und Be- wässerungsgruben (navazos).

67 Über die Vielgestaltigkeit der hörreo-Formen in Galizien unterrichtet J. Löpez Soler, Los hörreos gallegos. Sociedad Espafiola de ‚Antropologfa, Etnologia y Prehistoria X, 1931, 97—162.

68 Frankowski, a.a.O.27.

® Thede, VER VI, 236 und Tafel II, 5 und 6,

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a) Norias, gruas. Ense zwi

Von den von Krüger”® für das nordwestiberische Gebiet unter- schiedenen zwei Formen von Wasserhebevorrichtungen erwähnen die Reiseschriftsteller nur die Brunnenwasserhebewerke. So be- richtet Hackländer (I, 254) aus der Huerta de Valencia: *""

w . . kleine Brunnen von malerischer Gestalt sieht man auf allen Seiten; ein Pferd treibt das horizontale Rad, welches das Paternosterwerk bewegt eine vertikale, mit Zähnen ver- sehene Scheibe, über welche an Seilen irdene Krüge laufen, die das Wasser unten schöpfen und oben in einer Rinne aus- gießen. Mir waren diese Brunnen alte, liebe Bekannte. aus Syrien und Aegypten... .“

Diese wenig eingehende Beschreibung zeigt dennoch bemerkens- werte Unterschiede zu den im Nordwesten der Halbinsel noch vorhandenen Wasserhebewerken’!. Statt des horizontalen Rades finden wir dort eine gewaltige. senkrecht stehende Achse, deren Drehung durch Maulesel bewirkt wird. Ebenso auffällig ist die vertikale Scheibe mit den an Seilen befestigten irdenen. Krügen, an deren Stelle in Nordportugal das mit hölzernen Schöpfeimern besetzte große Holzrad tritt. Andererseits liegt der Vergleich mit den aus Südspanien oft abgebildeten”? und gelegentlich genauer be- schriebenen”® norias nahe. Auf die Verbindung mit ähnlichen Schöpfwerken im Orient weist, allerdings ohne nähere Einzelheiten anzugeben, auch Helmrich (94) hin, der sagt, daß in der Huerta von Valencia

w. . die größeren Besitzungen ... eigene Norias (tiefe Senk Brunnen) haben, aus denen die Grundwasser mit Schöpf- rädern, ganz wie die Sakiehs in Aegypten und Syrien von Ochsen getrieben, nach Reservoirs empor gehoben, und aus diesen durch gemauerte Rinnen auf die Felder geleitet werden.“

Die Bezeichnung noria für das Schöpfrad ist am verbreitetsten. Sie

70 WS X, 102,

21 Vgl. Krüger, WS X, 103 ft.

72 Der deutsche Leser sei beispielsweise auf. Fr. Christiansen, Das spanische Volk. Leipzig 1937, S. 324, hingewiesen.

73 Vgl. W. Giese, Brunnenschöpfräder der Manche, ZRPh LIV, 517—522.

BE Yvnes

findet sich außer in weiten Teilen Spaniens auch in Träs-os-Montes, und als nora im übrigen Portugal”, wenn auch die Formen der Schöpfwerke teilweise erhebliche Unterschiede aufweisen”®. Aus Andalusien leider ohne nähere Ortsangabe —— führt Waltl (206) das Wort an:

„Das Wasser kömmt aus den tiefen Brunnen durch ein Schöpfrad (noria) das von ein oder zwei Ochsen in Bewegung gebracht wird; es fällt in eine Rinne und diese führt es in ein großes Behältniß, von dem es hingeleitet wird, wohin man will.“

Nur in Katalonien kommt eine andere Bezeichnung vor, So be- richtet Ziegler (1,103) aus Villafranca del Panades in Kata- lonien:

„Man sieht in der Nähe hier und da Wassermaschinen an- gebracht, welche, gruc genannt, von wesentlichem Nutzen sind, indem sie vermittelst eines Schöpfrades mit Eimern, welche meist von Pferden, Maulthieren oder Ochsen in Bewegung gesetzt werden, aus tiefen Gruben das Wasser zur Bewässerung der Felder herausholen.“

Aus der Beschreibung geht hervor, daß mit den „Wassermaschinen“ Wasserhebewerke wie die norias gemeint sind”®, obwohl grua eigent- lich der Name für den Ziehbrunnen ist??.

Je nach der Gegend wechseln die Tiere, mit deren Hilfe die norias in Bewegung gehalten werden. Im Nordwesten der Halb- insel werden Maulesel verwendet”®, Ziegler nennt für Katalonien Pferde, Maultiere oder Ochsen, Hackländer für Valencia Pferde”®, Helmrich dagegen Ochsen, und auch Waltl führt für Andalusien Ochsen an.

14 Krüger, WS X, 103.

75 Vgl. W.Giese, Über portugiesische Brunnen. WS XI, 1928, S. 65—73.

7e Vgl. über die Wasserhebewerke im katalanischen Gebiet die auf- schlußreiche Darstellung von Fr. de B. Moll, Nomenclatura de les sinies del Pafs Valencid i les Illes Balears, BDC XXIV, 1936, 82-97.

77 Vgl. Krüger, WS X, 101, Anm. 1.

78 Krüger, WS X, 104.

9 Ebenso werden nach Thede, VKR VI, 270 noch heute in der Albufera von Valencia Pferde verwandt.

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b) Aceguias.

Neben den Wasserhebewerken spielen die Berieselungsanlagen mit Hilfe von Flüssen und Bächen besonders in den Küstenebenen eine hervorragende Rolle in der spanischen Landwirtschaft. Über das kunstvolle System der acequias in der Huerta von Valencia schreibt Hackländer (I, 267):

„Die ganze unglaubliche Fruchtbarkeit der Ebene von Valencia, die ihr mit so vielem Rechte den Namen Huerta (Garten) erworben hat, hängt... von dem künstlichen Be- wässerungssystem ab, wodurch das Wasser des Guadalaviar in einem Netze von Kanälen (acequias) und kleinen Gräben über die ganze Ebene verbreitet und bis zu jedem einzelnen Beete der unzähligen Gärten geleitet wird, von denen jeder, betrüge er auch kaum anderthalb Morgen, zu dem Unterhalte einer Familie hinreicht. Diese arabischen Wasserleitungen, welche das Wasser zuführen, sind gemauerte Kanäle, laufen oft zwei- oder dreifach über einander und sind in ihrem Fall und ihrer Aufstauung so richtig berechnet, daß tausend Jahre in dem Gebrauch keine Aenderung erzeugten.

Solcher Aderlässe im Spanischen bedient man sich des Ausdrucks sangrar und sangria in dieser Bedeutung muß der Guadalaviar auf seinem ganzen Laufe von etwa fünfund- zwanzig Leguas nicht weniger als dreißig erleiden, von denen jedoch nur die acht letzten und bedeutendsten der Huerta von Valencia zu Gute kommen.“

Und ergänzend hierzu berichtet Willkomm (I, 108/109), wie nur unermüdliche Tätigkeit der Bewohner und strengste Unterordnung unter die Vorschriften die reibungslose Abwicklung des komplizier- ten Bewässerungssystems ermöglichen:

nur durch die größte Sparsamkeit und die gewissen- hafteste Vertheilung des Wassers ist es möglich, daß alle diese Ländereien von Zeit zu Zeit (gewöhnlich aller 8 Tage) ihren gehörigen Antheil an Wasser bekommen, um frisch erhalten zu werden. Aus diesem Grunde kann der Arbeiter in der Huerta von Valencia niemals ruhen, denn zu der bestimmten Stunde, wenn die Reihe an sein Feld kommt, muß er zugegen sein, um die Schleussen zu ziehen oder zu schliessen und seine Aecker

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zu bewässern, und wäre es auch um Mitternacht; denn eine einzige Stunde Zögerns würde eine ungeheure Störung in das ganze Bewässerungssystem bringen und großen Schaden ver- ursachen. Um hierüber mit Strenge zu wachen und die Streitig- keiten schnell zu entscheiden, .... besteht seit der Zeit der Mauren ein besonderer Gerichtshof, das Tribunal de Ace- quieros.... Dieses Tribunal wird aus 7 Sindicos zusammen- gesetzt, welche von den Landleuten der Distriete gewählt werden, die den 7 Acequias von Tormos, Rascafia, Mislata, Mestalla, Fabara, Rovella und Manises entsprechen, Die Be- wohner des achten Distriets, der großen Acequia de Moncada, gehören nicht unter diese Gerichtsbarkeit .... Die erwähnten 7 Syndici sind einfache, in der Erbauung der Felder erfahrene Landleute, welche jährlich einen der Regidores de Justicia (Dorfrichter) von einer der zur Huerta gehörigen Ortschaften zu ihrem Präsident erwählen, und jeden Donnerstag um 12 Uhr Mittags sich zur Abhaltung des Gerichts unter dem am Consti- tutionsplatze gelegenen Portal der Cathedrale versammeln, welches den Namen Puerta de los Apostoles führt .. .“

Dieses Tribunal de Acequieros übt bekanntlich noch heute!? heute wie in alten Zeiten seine Tätigkeit aus.

Eine besondere Einrichtung, die den Landleuten die Inne-

haltung der Berieselungszeiten erleichtert, schildert Willkomm (II, 30/31) aus der Vega de Granada. Im höchsten Turme der Alhambra, der Torre la Vela, ist eine Glocke aufgehängt.

„Diese Glocke ist dazu bestimmt, die Nacht hindurch den mit der Bewässerung der Vega beschäftigten Landleuten fort- während die Stunde zu verkündigen, damit keine Irrung in der Zeit, wie lange ein Grundbesitzer das Wasser auf seinem Gebiet behalten darf, eintreten kann. Diese von den Mauren her- rührende Anordnung wird folgendermaßen ausgeübt. Die Nacht ist in zwei Velas oder Wachen eingetheilt. Die Vela primera umfaßt die Zeit von 10 Uhr Abends bis Mitternacht, die Vela secunda die Zeit von Mitternacht bis 4 Uhr Morgens. Von 10 bis 11 Uhr thut die Campana la Vela, wie diese Glocke genannt

80 Vgl. die Darstellung von Fr. Christiansen, Die spanische Riviera und

Mallorca. Berlin 1929, S. 215/216.

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wird, in regelmäßigen Zwischenräumen von 5 Minuten zwei Schläge, von 11 bis 12 Uhr drei. Von 12 bis 1. Uhr. erschallt blos ein Glockenschlag, von 1 bis 2 Uhr zwei, von 2 bis 3 Uhr drei und von 3 bis 4 Uhr vier. Punct 4 Uhr wird Ave Maria geläutet und an die Glocke geschlagen.“ \

c) Navazos.

Als eine weitere Form der Bewässerung, die wohl einzig dasteht, sind die navazos an der Küste des Atlantischen Ozeans in der Nähe von Cädiz anzusehen. Willkomm (II, 255) hat sie als einziger bei seinem Aufenthalt in Puerto de Santa Maria genau beschrieben: : „Da es hier... an Wasser zur Bewässerung fehlt, so machen die Bauern hinter der hohen Dünenkette, die sich längs des Strandes hinzieht, große viereckige Gruben in den Sand (denn das ganze Land besteht bis an den die Ufer des Guadalete bildenden Marschboden lediglich aus Flugsand), deren Niveau tiefer als der Spiegel des Meeres liegt. Das Meer- wasser sickert nun langsam hindurch und erhält den Boden in diesen Gruben, die man „Navazos“ nennt, fortwährend feucht, weshalb hier das herrlichste Gemüse und namentlich viele Feigen- und Mandelbäume ... auf das Ueppigste gedeihen. Diese halb unterirdischen Gärten, die alle mit der größten Sorgfalt angelegt und von Rohrhecken umschlossen sind, machen mit ihren saubern Häuschen in dieser scheinbar so sterilen Gegend einen sehr freundlichen Eindruck . . .“

Ganz an der gleichen Stelle, zwischen Rota und Sanlücar de Barra- meda befinden sich noch heute diese Berieselungsfelder. „Son estos navazos excavaciones hechas en las dunas playeras, cuyo fondo se ve dos veces cada dia humedecido de agua dulce que llega hasta alli por la presiön del mar en la creciente de sus mareas“, sagt der Verfasser einer modernen spanischen Abhandlung darüber®!. Eine Beschreibung der navazos hat schon Fernän Caballero in ihrem Roman Gaviota gegeben®®.

81 Dionisio Perez, Gufa del buen comer espanol. Madrid 1929, S. 87. 82 Vgl. noch O. Jessen, Südwestandalusien. Gotha 1924, S.'40,

ee

4 Landwirtschaftlicher Transport. a) Der carro chillön.

Unter den landwirtschaftlichen Transportgeräten hat der Ochsenkarren, der carro chillön, wie er allgemein heißt, wegen seines auffallenden und urtümlichen Baues ganz besonders das Interesse der Reisenden erregt. Während er noch heute im ganzen nordwestspanischen Gebiet, vom Baskenland über Asturien, Leön und NW-Zamora bis nach Galizien, und in Portugal bis zum Tejo verbreitet ist, dem zentralen und südlichen Teil der Halbinsel aber fehlt®®, haben ihn die deutschen Besucher fast ausschließlich in den baskischen Provinzen beobachtet, da das übrige Nordwestspanien kaum von ihnen bereist worden ist. Daneben besitzen wir Dar- stellungen über den Ochsenwagen von Link und Bergh aus der Umgebung von Lissabon.

Wenn die Beschreibungen auch nur teilweise auf Einzelheiten eingehen, so stellen doch fast alle Reisenden die charakteristischen Merkmale des carro chillön heraus: das Fehlen des Speichenrades und die mit den Radscheiben fest verbundene und sich drehende Achse. So berichtet Rochau (Il, 282) aus der Umgebung von San Sebastiän:

„Die Ackerwagen sehen aus als ob sie wenigstens seit zwei» tausend Jahren nach demselben Modell gezimmert würden ... Es sind kleine und niedrige Karren, deren Räder durch volle Scheiben gebildet werden, die sich mit der Achse, an welcher sie festsitzen, ächzend und kreischend umdrehen.“

Und ebenso schreibt Jariges (45) aus Irün:

„Häufig fuhren winzige Bauerwagen, mit zwei Ochsen be- spannt, bei uns vorbei; ihre ungeschmierten Räder, die keine Felgen haben, sondern eine große Scheibe bilden, welche, statt um die Achse zu laufen, sich mit dieser umdreht, machen ein unerträgliches Gekreisch, das man in den Berggegenden sehr weit hören kann... .*

Wie diese beiden Reisenden führen alle übrigen auch aus

Portugal an, daß die Räder des carro chillön volle Scheiben

88 Krüger, WS X, 8.

les

N)

bilden. Diese massive Form ist in ihrer Einfachheit sicher als die. ursprüngliche anzusprechen. Heute tritt sie auf der Pyrenäen- halbinsel gegenüber den vielen verschiedenartigen von Öffnungen durchbrochenen Radformen stark zurück. Das volle Scheibenrad findet sich nur noch vereinzelt im Baskenland, etwas häufiger im Alto Minho und in Braga®. Als einziger erwähnt Humboldt (Spanienreise 130) Räder mit Segmenten, die er aber weniger in den Baskischen Provinzen als in Altkastilien beobachtet hat. So schreibt er aus Guipüzcoa:

„Merkwürdig sind einem hier die Ochsenkarren. Sie sind sehr klein, so daß sie nur sehr wenig laden können, und haben statt der Räder große, ganz massive Scheiben, mit denen sich die Axe zugleich umdreht. Aehnliche Räder sah ich bis Segobia hin, nur daß außer dem Gebirg meist Oefnungen darin sind. Manchmal gehen Stöcke, wie zwei Sehnen, die die eine mit dem horizontal- die andre mit der perpendikular-Durchmesser des Rades parallel laufen, von einem Rade zum andern und alles übrige ist offen. Manchmal sind nur einige dieser Segmente offen, manchmal sind sie anders angeordnet, nie aber sah ich Speichen.“

Diese Schilderung zeigt, daß in gewissen Gegenden anscheinend schon zu damaliger Zeit eine Fülle von verschiedenen Radformen ausgebildet war, ähnlich wie wir es noch heute auf einem so kleinen Gebiet wie Sanabria wahrnehmen können®®,

Eine genauere Beschreibung des Scheibenrades gibt Baum- gärtner (12/13), der von den Ochsenkarren aus Tolosa sagt, sie

„. . . sind sehr niedrig und haben nur zwei Räder, welche aus Pfosten bestehen; sie halten 30 Zoll im Durchschnitt, haben keine Speichen, sondern sind aus dem Ganzen. Das Sonder- barste an ihnen ist, daß die Achse an dem Rade festgemacht, und sich mit demselben in einem eisernen Ringe am Wagen umdreht. Auch sind die Räder an den Enden nicht breiter als einen Zoll, an der Achse aber stärker und mit einem, einen Zoll dicken und breiten, eisernen Reifen belegt.“

% Krüger, WS X, 74. 8 Vgl. die Radformen bei Krüger, GK 213 (Abb. 18),

Soniorrostro im Baskenland: f;

„Die beiden Räder sind meistens massiv von hartem Holz, mit starken eisernen Reifen versehen und außerdem auf beiden Seiten durch starke, kreuzweis gelegte Eisenbänder vor dem Zerspringen gesichert. Die Dicke dieser eisenbeschienten Holz- scheiben beträgt höchstens anderthalb Zoll, weshalb sie mit Leichtigkeit durch Gestrüpp, hohes Gras, zwischen Gerölle und Felstrümmern durchkommen.“

Gut ist die Beobachtung Baumgärtners, daß sich der mittlere Rad- durchmesser nach der Achse zu verdickt, wie dies auch heute noch insbesondere für den spanischen Ochsenkarren mit massiven Rädern zutrifft®, Daß die Räder aus mehreren Stücken bestehen, deuten Baumgärtner und Link als einzige an, ohne allerdings die Anzahl der Radteile anzugeben. Nach Baumgärtner sind die Räder „aus Pfosten“, während Link (III, 174) aus der Umgebung von Lissabon schreibt: „Die Räder sind nicht von einem Stücke, sondern ... . aus j plumpen gefüllten Stücken zusammengesetzt . . .“ Aus drei Planken besteht auch heute noch das Rad des carro chillön sowohl das

f 5 Ähnlich berichtet auch Willkomm (Wanderungen I, 111) aus

| massive wie das mit Öffnungen versehene in Navarra, im | Baskenland®’, in Galizien® und in der Serra da Estr&la®,. Fünf- teilige Räder dagegen kommen in Sanabria, Zamora und Leön vor®. Über die Verbindung von Achse und Wagen sagt Baumgärtner, daß sich die Achse „in einem eisernen Ringe am Wagen umdreht“. Diese Art der Befestigung ist ungewöhnlich. Nach Willkomm (Wanderungen I, 111) ist der Karren von Somorrostro anders gebaut:

„Die Räder selbst drehen sich gar nicht, indem sie fest an j die an ihren Enden vierseitig zugeschnittene Axe angeschlagen sind, sondern es dreht sich die Axe, welche durch zwei verticale, an ihren untern Enden mit runden Löchern versehene Balken hindurchgeht, die zu dem eigentlichen Gerüste des

86 Aranzadi, FoCoEsp I, 322; vgl. auch Krüger, GE 212. 87 Aranzadi, FoCoEsp I, 322,

88 Ebeling, VER V, 76.

88 Messerschmidt, VER IV, 146.

9 Krüger, GK 212 ff.

us

Arsen.

Karrens gehören. In diesen Löchern bewegt sich die hölzerne Axe nur mit einiger Schwierigkeit, was def Vortheil bringt, daß der Karren, er mag leer oder beladen sein, selbst auf sehr abschüssigen Wegen dem Zugvieh niemals in die Beine rollt und ungehemmt stehen bleibt, wo man will.“

Die Achse dreht sich bei den jetzt gebräuchlichen Karren mit den Rädern zwischen Holzkeilen, die beiderseits der Achse die darüber befindlichen Gabeln des Wagengestells durchstoßen. Oben stößt sie gegen ein an dem Unterrad der Gabeln befestigtes Holz- stück. Bergh (242/243) berichtet von einer ähnlichen Konstruk- tion der Bauernkarren aus der Umgebung von Lissabon:

„Hier drehen sich zwei große volle runde Scheiben, welche die Räder ersetzen, nicht um die Achse, sondern zugleich mit derselben und der Wagenkasten schwebt dann, über die Achse

6

herübergreifend, zwischen den hölzernen, radähnlichen Klötzen, wodurch oft durch die Reibung ein fürchterlicher Lärm ent- steht... .“

Diese Schilderung hat er durch die beigefügte Zeichnung ver- deutlicht.

Auf den Wagenaufbau geht Lorinser (Neue Reiseskizzen I, 88) ein. Er schreibt aus der Gegend von Durango:

„An dem die Last enthaltenden Aufsatz, der auf diesen

_ Rädern ruht und ganz die Form unserer aus vier Brettern

zusammengeschlagenen Mistkarren hat, ragen an den vier

Ecken lange, mit allen Krümmungen und Knorren, wie die

Natur sie hervorgebracht hat, versehene, abgeschälte Stäbe in die Luft ,. .“

Die abgeschälten Baumäste oder Holzspieße, die als Stützen für die zu befördernde Last in den Wagenboden eingelassen werden, sind

f

91 Krüger, GK 204f.; vgl. auch Aranzadi, FoCoEsp I, 328, und Messer- schmidt, VKR IV, 146.

52

auch heute noch allgemein üblich. Je nach der Art der Ver- wendung des Wagens schwankt die Zahl zwischen vier und zehn, Daneben sind Seitenwände, Vorder- und Rückwand entweder mit Flechtwerk oder mit Brettern ausgefüllt, wovon Lorinser aber nichts berichtet. Dieses Flechtwerk des Wagenaufsatzes erwähnen zwei Reisende aus dem Baskenland. So sagt Rig&l (1839; 56) von dem Ochsenkarren: „Ein aus Weiden geflochtener Korb ruht auf der Achse“, während Humboldt (Baskische Reise 409) aus Oyarzun bei Durango bei der Schilderung eines Gehöftes schreibt: „Da stand die kleine knarrende mit einem Korb wie ein Schanz- korb umgebene Ochsenkarre .. .“

Mit dem Begriff des Ochsenkarrens ist unlöslich die Vorstellung des Ächzens und Knarrens verbunden. Die Reibung der mit den Rädern sich drehenden, ungeschmierten Achse an ihrem Lager erzeugt fortwährend einen schrillen, weithin vernehmbaren Ton, ohne den der Landschaft gewissermaßen aber doch etwas von ihrer Eigenart fehlen würde. Darauf hat schon Cervantes hingewiesen. Humboldt (Reiseskizzen 234/235) schreibt darüber aus Tolosa:

„Das Gefühl, daß wir uns in einem fremden Lande be- fanden, wurde uns von den ersten Schritten in Guipuzcoa an auch durch ein sonderbares Geräusch erneuert, welches den Reisenden, ehe er daran gewöhnt ist, wunderbar überrascht. Es ist das knarrende Pfeifen der kleinen Ochsenkarren, denen man hier alle Augenblicke begegnet. Die Räder dieser Wagen sind nämlich vollkommene Scheiben, ohne getrennte Speichen; und statt daß sie sich um die Achse drehen sollten, dreht sich die Achse selbst mit ihnen um. Dies giebt ein so langsam ge- zogenes und doch eindringendes Pfeifen, daß es, besonders am Abend und in der Ferne gehört, so daß man nicht augenblick- lich die Ursach davon entdeckt, einen sonderbar traurigen und schwermütigen Eindruck hervorbringt .... Dies Pfeifen hat zu einem National-Sprichwort unter den Biscayern Anlaß gegeben; „da der Stier sich beklagen sollte“, sagen sie, „thut es der

e2 Z.B. acht zumeist in der Serra da Estr&la (Messerschmidt, VKR IV, 151), zehn in der Provinz Lugo (Ebeling, VKR V, 80).

93 Krüger, GK 221; Ebeling, VKR V, 80; Messerschmidt, VER IV, 132 bis 153. Inzwischen sind noch einige Darstellungen lokaler Typen aus Nord. und Nordwestspanien gegeben worden.

Turn. Hr

=D mn

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Wagen.“ (Es ist unmöglich, die Kürze der Biscayischen Sprache, vorzüglich in sprichwörtlichen Redensarten, nachzuahmen. Hier 2.B. sagt sie bloß: da der Stier klagen sollte,"der’ Wagen, idiac erassi beharrean gurdiac.) ein Beweis, wie auffallend diese ein- törmigen Klagetöne auch dem Volke gewesen sind und wie schon dieselben gleichsam zu der Physiognomie des Landes gehören.“

Diese Schilderung Humboldts deckt sich überraschend mit dem Eindruck, den Krüger” von dem eigenartigen Geräusch des Ochsenkarrens in Sanabria empfing. Und das von Humboldt zitierte baskische Sprichwort verrät ebenso wie die von Aranzadi?* angeführten Volkslieder aus Galizien und Burgos, daß der seltsame Reiz dieser langgezogenen Töne auch auf das Gemüt des Volkes seine Wirkung nicht verfehlt hat.

Die Frage, weshalb man sich nicht bemüht, das Ächzen des Wagens abzustellen, wird auch von den Reisenden aufgeworfen. Jariges (45) berichtet aus Irün, daß das „unerträgliche Ge- kreisch ... . wie man sagt, dazu dienen soll, die Wölfe zu ver- scheuchen“. Und Link (III, 174/175) schreibt von den portugie- sischen Ochsenkarren in der Umgebung Lissabons:

„Einige Portugiesen sagten mir, das Geräusch der un- geschmierten Räder diene die Ochsen anzutreiben, andere be- haupten, es verscheuche die Raubthiere, und sey in Hohlwegen von weitern zu hören.“

Daß die Zugtiere durch das Knarren des Gefährts ermuntert werden sollen, wird auch von Bergh (242/243) angeführt: „... sie meinen, daß die Ochsen dadurch zu größerem Fleiß angefeuert werden ... .“ Dasselbe behaupten noch heute die Bauern gewisser Gegenden der Halbinsel, wie Ebeling®® aus der Provinz Lugo und Aranzadi?’ aus dem Baskenland bezeugen.

Im Grunde genommen aber sind es die landschaftlichen Ver- hältnisse im Verbreitungsgebiet des Ochsenkarrens, die die Be- wohner veranlaßt haben, nicht auf das schrille Geräusch zu verzichten. Willkomm (Wanderungen I, 111/112) stellt dies

% GK 196.

95 FoCoEsp I, 320, 9% VKR V, 55.

9% FoCoEsp 1, 319.

deutlich heraus: %

„Da nämlich die Gebirgswege gewöhnlich sehr schmal s oder es wenigstens viele Stellen gibt, wo zwei sich begegnend Karren einander nicht ausweichen können, so würde viel Unheil entstehen, wenn die Karren wenig Geräusch machten. Bei d geschilderten sonderbaren Einrichtung der baskischen Kar kann dies aber nicht so leicht vorkommen, denn das Schreien eines beladenen Karrens dieser Art hört man oft eine Viertel. stunde weit. Dadurch gewinnen die Karrenführer, die mit den Wegen und Oertlichkeiten vertraut zu sein pflegen, hinlänglich Zeit, um sich eine zum Ausweichen geeignete Stelle zu suchen.“

Die Richtigkeit dieser Ansicht wird von Aranzadi® bestätigt, der ebenfalls als Hauptzweck die Möglichkeit bezeichnet, sich recht- zeitig auf der cambera ausweichen zu können. In manchen Bezirken besteht übrigens heute die Vorschrift, daß der carro chillön von dem Lenker beim Durchfahren einer Ortschaft zu schmieren ist, wie Ebeling’ aus Lugo und Messerschmidt!® aus der Serra da Esträla berichten. k

b) Das Ochsengespann. Jochformen.

So stark auch der carro chillön allgemein von den deutschen Reisenden beachtet worden ist, so gering ist andrerseits ihr Inter- esse daran gewesen, in welcher Weise die Ochsen an den Wagen gespannt werden. Nicht ein einziger erwähnt eine der mehr oder weniger kunstvollen Jochformen, die sich noch heute so zahlreich und mannigfaltig im ganzen Verbreitungsgebiet des Ochsenkarrens finden!®!, Es ist kaum anzunehmen, daß vor einem Jahrhundert nicht schon ähnliche Erzeugnisse der Volkskunst im Nordwesten der Pyrenäenhalbinsel vorhanden waren. Selbst ein so grund-

08 FoCoEsp I, 319,

® VKR V, 55.

100 VKR IV, 143,

101 Vgl. Krüger, GK 174—178 (Abb. 10 u, 11); WS %, 47.

—5

liegender Unterschied wie der zwischen Stirnjoch und Nackenjoch!%? scheint den Reisenden unbekannt geblieben zu sein. |

Willkomm und Gail, die auf’ das Zuggeschirr des Ochsen- gespanns eingehen, haben ihre Beobachtung nicht in dem eigent- lichen Gebiet des carro chillön gemiacht, sondern in Andalusien, wo schwerfällige, hochräderige Karren mit Speichenrädern üblich sind. Immerhin sind ihre Schilderungen von Interesse. So schreibt willkomm (II, 178) aus Utrera am. Guadalauivir:

„Ueberall waren die Landleute in der Olivenärndte be- schäftigt und auf allen Wegen näherten sich schwerfällige zweirädrige Karren von Ochsen gezogen, hoch beladen mit glän- zend schwarzen Oliven, langsam der Stadt. Merkwürdig ist der Kopfputz, den diese Ochsen tragen. Es ist ihnen nämlich auf der Stirn ein wohl zwei Fuß hohes dreieckiges Geflecht von Esparto befestigt, das mit lauter kleinen bunten Tuchfleckchen besetzt ist, was ganz seltsam aussieht. Eigenthümlich und sehr primitiv ist auch die Art und Weise, wie diese Karren in Be- wegung gesetzt werden. Die Ochsen sind nämlich mit den Hörnern an ein an der Spitze der Deichsel befestigtes Queer- holz, das zugleich als Kummet dient, angebunden und ziehen den Karren folglich mit dem Kopfe.“

Aus der Schilderung geht einwandfrei hervor, daß die Ochsen an einem Stirnjoch angeschirrt sind. Die Form ist wahrscheinlich sehr einfach, da der Verfasser nichts weiter über das an den Hörnern befestigte „Querholz“ zu sagen weiß. Auffällig ist der angeführte Kopfputz, um so mehr, als Gail (IV/V) ohne nähere Ortsangabe aus Andalusien ebenfalls darüber berichtet und das Gesagte durch eine Zeichnung illustriert. Er spricht von den andalusischen Ge- treidewagen, „deren Räder nicht selten aus ganzen Scheiben, meistens aber, anstatt des Eisenringes, aus doppelten Holzfelgen bestehen, wodurch die Räder eine ungeheure Höhe erhalten, und schon leer eine bedeutende Zugkraft erfordern“. Der Wagen wird von einem einzigen Stier (Ochsen!) gezogen, „der auf dem Kopfe ein aufstehendes durch farbige Bänder geziertes Strohgeflecht sitzen hat“.

102 Ich folge der von Krüger angewandten Terminologie; vgl. insbeson- dere Krüger, HPyr C II, 278.

56

Denselben Kopfschmuck der Ochsen in Andalusien hat auch Fischer {Reise 370) in Puebla del, Conde auf der Grenze zwischen Extremadura und Andalusien beobachtet. Er schreibt darüber:

„Die Leiterwagen welche wir sahen, hatten Räder von der

Höhe des ganzen Wagens, und die Ochsen waren mit kleinen

spitzigen Kronen von bunten Papierschnitzeln verziert.“ ;

Die Zeichnung (Gail, Tafel IX) zeigt, daß der Ochse gleichfalls ein Stirnjoch trägt, das die Enden der Gabeldeichsel, durch Holz- keile gesichert, durchstoßen.

Ausschnitt aus der Zeichnung von Gail (Tafel IX)

Nicht direkt in Spanien, aber in unmittelbarer Nähe, auf fran- zösischem Boden, haben endlich Willkomm und Baumgärtner Ochsengespanne gesehen und beschrieben, jener in den Landes zwischen Langon und Bazas, dieser in Bayonne, der Stadt also, die mehr spanisch-baskischen als französischen Charakter trägt. Da Willkomm außerdem anschließend an seine Schilderung darauf hin- weist, daß „die ganze Art und Weise der Bespannung“ auch die bei den Ochsenfuhrwerken in Spanien gebräuchliche ist, können wir die Darstellungen zur Ergänzung des Gesamtbildes heranziehen.

So schreibt Willkomm (Wanderungen I, 5) über die Karren, die Holzlasten aus den Landes nach Bordeaux und Bayonne be- fördern: 5

TE

ch

ze „Jeder ist mit zwei Ochsen bespannt, welche den Karren

bt mit dem Kopfe ziehen müssen, indem ihre Hörner mit starken Riemen an einen Querbalken angeschnallt sind, der an der

er Spitze der Deichsel befestigt ist und dem Ochsen auf dem

en Nacken liegt. Über diesen Querbalken pflegen die Bewohner

der Landes ein langwolliges, sehr häufig indigblau gefärbtes Schaaffell zu binden, welches die Köpfe der Ochsen bis an die Augen verhüllt.“

Und fast genau so berichtet Baumgärtner (7) aus der Nähe von Bayonne:

„Hier wird jedes Fuhrwerk mit Ochsen bespannt, und ein Pferd wird hier nur sehr selten gesehen. Die Ochsen ziehen und halten mit dem Kopfe wider, der mit Schaffellen bedeckt ist. Die Art ihrer Einspannung ist folgende: sie werden mit den Hörnern an eine drei Ellen lange Stange neben einander fest- gebunden; diese Stange wird an die Deichsel gerädelt, und so brauchen sie weder Stränge noch Joch.“

Die wahrscheinlich sehr einfache „drei Ellen lange Stange“ Baum- gärtners, die an den Hörnern der Ochsen befestigt wird, ist natürlich das Joch, und zwar das Stirnjoch, ebenso wie der „Querbalken“ Willkomms. Bei dem Schaffell, das den Kopf der Rinder bedeckt, handelt es sich entweder um das Jochpolster oder um ein Schutz- fell, das über Kopf und Jochpolster gelegt ist, ähnlich dem noch heute in Sanabria gebräuchlichen!?%,

Yi-

= Lenken des Gespanns.

ies

lie Über das Lenken des Gespanns berichtet Willkomm (Wan-

Ja derungen I, 113) ausführlich:

n- „Der Karrenführer geht, wie es bei den Ochsenfuhrwerken

en in Spanien gebräuchlich ist, vor den Ochsen her und treibt sie

lie | vermittelst einer mit einem kurzen Eisenstachel versehenen Stange, die dem einen der beiden Ochsen immer zwischen den

nn, Hörnern zu ruhen pflegt, von Zeit zu Zeit zum Gehen an; denn

ve geschieht dies nicht, so bleiben die trägen Thiere, ehe man es

103 Krüger, GK 1%.

F

sich versieht, stehen. Uebrigens ist es zu verwundern, wie gelehrig diese Ochsen sind. Sie gehorchen dem Stachel des Treibers ebenso, wie ein Reitpferd dem Sporn des Reiters, und lenken links und rechts, gehen vor- und rückwärts, je nach der Art und Weise des Stachelns.“

Übereinstimmend hiermit schreiben auch die anderen Reisenden, ebenfalls aus Portugal (Bergh 243; Link III, 175), daß der Führer dem Gespann vorausgeht. Doch schreitet er in Lugo (Galizien) auch dem Fuhrwerk zur Seite!%, was wohl dadurch bedingt ist, daß dort nicht selten zwei und mehr Jochpaare zum Ziehen verwendet werden. Einen interessanten Hinweis auf die Art, wie die Ochsen auf den Stich mit dem Ochsenstachel reagieren, bringt als einziger Gail (V), der aus Andalusien anführt: „... der Stier folgt seinem vorgehenden Führer sonderbarer Weise gerade auf die Seite hin, an welcher er einen LanzenstoB erhält.“

Hufbeschlag.

Die besonderen Verhältnisse des gebirgigen und steinigen Nord- westens der Halbinsel haben es notwendig gemacht, daß die Ochsen als überall verwendete Zugtiere für den carro chillön ähnlich wie anderswo die Pferde beschlagen werden, damit sich ihre Hufe nicht zu stark abnutzen. Zwei Reisende berichten hierüber aus dem Baskenland.

„Die Zugochsen werden, was mir sonst nirgends vor- gekommen ist, der rauhen schwierigen Wege halber beschlagen, und zwar mit zwei vollen Eisenplatten, die man unter jeden Fuß legt“,

schreibt Rochau (II, 282) aus San Sebastiän, während Will- komm (Wanderungen I, 113/114) uns aus Somorrostro (Vizcaya) weit ausführlicher insbesondere auch den Vorgang des Hufbeschlags der Tiere schildert, der besondere Maßnahmen erfordert:

„Damit sich ihre Hufe auf den steinigen, rauhen Wegen, die oft Bachbetten ähnlicher sehen, als von Menschen gebahnten Pfaden, nicht abnutzen und Schaden leiden, werden sie, wie die

194 Ebeling, VER V, 58.

Hufe der Pferde, beschlagen, freilich nicht mit Hufeisen, was der gespaltene Huf nicht erlaubt, sondern mit zwei, den beiden Abtheilungen des Hufes entsprechend großen Eisenplatten. Nichts ist komischer, als das Beschlagen dieser Ochsen. Da der Ochse nämlich nicht leicht so still hält, wie ein Pferd, und wegen seiner Hörner den Umstehenden gefährlich werden kann, so bindet man ihn an den Hörnern und Beinen fest, Zu diesem Zwecke findet man bei den Hufschmieden besondere Nothställe, weiche der Hauptsache nach aus vier starken, paar- weis gestellten Balken bestehen, die, ungefähr so hoch über dem Boden, als die Knie eines Ochsen, durch Querbalken verbunden sind. Soll nun ein Ochse beschlagen werden, so wird er in einen solchen Zwangsstall geführt, und zunächst mit den Hörnern an die beiden vordern Balken festgebunden, Sodann wird je ein Vorderfuß und je ein Hinterfuß emporgehoben, auf die erwähnten Querbalken gelegt und festgebunden, so daß der Ochse blos auf zwei Beinen steht. Und zwar bindet man die Beine immer über’s Kreuz fest, nämlich entweder das rechte Vorder- und das linke Hinterbein, oder umgekehrt. Auf diese Weise kann der Ochse, er mag noch so bösartig sein, sich nicht rühren und muß sich willig beschlagen lassen.“

c) Die Schleife.

Die Schleife, die sich als primitive Vorstufe zum Wagen noch heute in abgelegenen und unwegsamen Gebirgsgegenden der Pyrenäen- halbinsel, insbesondere im Gebiet der Hochpyrenäen findet!®, ist von den Reisenden fast gar nicht angetroffen worden, was auch bei den von ihnen eingehaltenen Reisewegen durchaus verständlich ist. Als einziger erwähnt Bastiano (309) dieses Transportmittel, und zwar aus Bilbao:

„Gegen zwei Uhr langte endlich das Gepäck an, es war auf

" Holzschlitten geladen und ward von Stieren gezogen, oder rich-

tiger gesagt, geschleift; auf eine langsamere Weise könnte es nicht gut befördert werden.“

Da aber nichts Näheres über den Bau und das Aussehen der Schleife

105 Vgl. Krüger, HPyr C I, 178 ft.

60.—

gesagt ist, läßt sich auch nicht feststellen, ob es sich hierbei um die sonst im Baskenlande verbreitete lera!® oder um eine andere Form handelt. Fischer (Reise 52) erwähnt die Schleife nur aus Bayonne ohne nähere Beschreibung: „Überall sah man... beladene Maul- thiere, und Schleifen mit Ochsen bespannt.“

d) Pferde, Esel und Maultiere als Trag- und Reittiere.

Für den Raum der Hochpyrenäen hat Krüger!’ erschöpfend alle Formen des Saumtiertransports dargestellt. Es liegt auf der Hand, daß außerhalb dieses ureigensten Gebiets des Saumtiertransports, wo beispielsweise der Wagen fast vollkommen fehlt, die Beobachtung und Aufzeichnung ähnlicher Formen des ländlichen Verkehrs sehr viel spärlicher ausfallen mußte. ;

Die Beförderung von Lasten auf dem Rücken von Tieren er- wähnen unsere Reisenden nur vereinzelt. Häufiger dagegen sprechen sie von auffälligen Sattelformen, besonders in Fällen, in denen sie selbst gezwungen waren, ihre Reise auf Maultieren oder Eseln zurückzulegen. So schreibt Plüer (56) aus Rebellosa bei Jadraque in Neukastilien:

„An statt der Fuhren bedient man sich fast mehrentheils der Esel und Maulthiere, welche fast alles, auch selbst das | Getrayde vom Felde auf ihren Rücken fortschleppen müssen. | Weil das Land so sehr gebirgigt und die Wege insgemein schlecht sind, so kann man auch mit Fuhren nicht einmal allent- 7 halben durchkommen.“

Und ebenso berichtet Roßmäßler (II,228) aus der Nähe von Burriana (Valencia):

„Man brachte eben den Weizen vom Felde ein, und zwar auf dem Rücken der Pferde, die je 20 schwere Garben trugen. Für Fuhrwerke fehlte es durchaus an Wegen. Sie würden auf den überflutheten Wegen aus einem Loche in das andere fallen."

Beide Schilderungen zeigen, daß ebenso wie in dem von Krüger behandelten Gebiet, schwierige Wegeverhältnisse den Transport auf

106 Krüger, HPyr C I, 207. 197 Krüger, HPyr G I, 171.

o»5350

61

dem Rücken von Tieren veranlaßt haben; in Neukastilien ist es der gebirgige Charakter der Landschaft, in der Hüerta' von Valencia die Feuchtigkeit des Geländes. Von irgendwelchen Traggestellen oder Haltevorrichtungen für die Lasten wird leider nichts erwähnt.

Bei den von den Reisenden beschriebenen Sätteln handelt es sich fast immer um solche, die ihnen wegen ihrer ungewöhnlichen oder primitiven Form aufgefallen sind. Ihr doppelter Verwendungs- zweck für den Transport von Lasten wie zum Reiten ist mitunter noch deutlich zu erkennen. Aus Pollenza auf Mallorca berichtet wWillkomm (Balearen 135):

u... der Conductor (hatte) mir ein Maulthier und meiner Tochter einen Esel als Reitthiere zur Verfügung gestellt. Nach mallorquinischer Sitte besaßen aber beide Thiere weder wirk- liche Sättel noch Steigbügel, sondern trugen zwei über den Rücken gehängte, aus Espartogeflecht verfertigte Körbe (wie dergleichen auch in Spanien, wo sie „serones“ genannt werden, üblich sind), über welche eine zusammengelegte „Manta“ (Woll- decke, Pferdedecke) gebreitet und mit Stricken festgebunden war. Auf diese setzt man sich Mann oder Frau der Quere nach („a la contrabandista“, wie der Andalusier sagt) und treibt das Thier, welches oft nicht einmal einen Zügel, sondern blos ein Halfter mit einem Lenkseil trägt, mit einer Ruthe oder Gerte an.“

Und übereinstimmend hiermit schreibt auch Thienen-Ad ler- flycht (205) von seinem Aufenthalt auf Mallorca:

„Wir saßen sehr bequem auf unseren Thieren (d.s. Maul- tiere), welche höchst einfach gezäumt und gesattelt waren, oder vielmehr sie waren gar nicht gesattelt. Wir saßen wie auf einer Bank breit auf einem Sitz, welcher dadurch auf dem Rücken des Thieres entsteht, daß ihm zwei große Körbe von Esparto- grasgeflecht, der eine rechts, der andere links, aufhängen. Diese Körbe werden bedeckt mit einer Lage Schaaffelle, auf welchen man sich ebenso weich als bequem befindet. Von diesem Sitz aus erhielten wir uns an einem einfachen Strick, welcher dem Thiere um die Nase gebunden war, in beständigem Verkehr mit letzterem.“

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In beiden Fällen haben wir also improvisierte Reitsitze vor uns, denn die Espartokörbe sind ohne weiteres als Traggeräte zur Be- förderung von Lasten erkennbar. Hier wie im ganzen katalanischen Kulturgebiet und auch in anderen Teilen der Halbinsel sind die Körbe aus Esparto hergestellt, im Gebiet der Hochpyrenäen ver- wendet man Weidenrutengeflecht!"®. Sie dienen in erster Linie dem Transport von Wasserkrügen und von Dünger, daneben aber auch von anderen Gegenständen!®. Die gleiche Reitsitte findet sich noch heute auf den Balearen, doch verwendet man statt der Esparto- körbe auch aus den Wedeln der Fächerpalme geflochtene. Sie werden über den Packsattel gelegt!!®,

Ihren Charakter als Packsättel verraten auch die Reitsitze, mit denen Hackländer in der Sierra Morena und Roßmäßler bei Murcia auf ihrer Reise vorlieb nehmen müssen. Hackländer (II, 216) führt aus Santa Elena an:

„Unsere Esel hatten weder Zaum noch Halfterstrick, weder Steigbügel noch Sattel. Die Stelle des letzteren vertrat ein breites hölzernes Gestell mit aufgeschnalltem Strohkissen, das aber zu breit war, um sich rittlings darauf setzen zu können, wir mußten es deshalb so besteigen, daß wir beide Füße nach einer Seite herunterhängen ließen und nun streben, das Gleich- gewicht so gut wie möglich zu behalten.“

Immerhin bequemer sitzt Roßmäßler (II, 111/112) auf seinem Grautier, von dem er ausführlich schildert, wie es gesattelt ist:

„Unmittelbar auf dem geduldigen Eselsrücken liegt ein starkes, aber gepolstertes dachförmiges Gestell von Holz, welches mit einem Espartogurt unter dem Bauche befestigt ist. Darüber liegt eine dicke aus Esparto geflochtene Decke, welche an jeder Seite in einen spitzen Sack ausläuft; über dieser liegt fast immer ein dickwolliges Schaffell als höchst behagliches Sitzpolster. Um das Maul hatte der gute Graue als Zügel einen schlichten Espartostrick.“

108 Krüger, HPyr C I, 117.

109 Vgl. Krüger, HPyr C I, 104, 105, 116.

110 Erzherzog Ludwig Salvator, Die Balearen, Würzburg-Leipzig 1897, I, 351, 359; II, 366.

RE

Das gepolsterte dachförmige Gestell von Holz erinnert lebhaft an den in einem Teil der Hochpyrenäen unter dem Namen bast ver- breiteten Packsattel, der als Unterlage für das zur Beförderung von Lasten gebauchte leiter- oder gatterartige Gestell dient!!.

Zwei Reisende erwähnen endlich noch Frauensättel. Arnim (437) wird in Urnieta bei Tolosa (Guipüzcoa) Zeuge eines immerhin ungewöhnlichen Anblicks. Er sieht

u. . , zwei Frauen auf einem Esel reitend .. aber nicht etwa

hinter einander, oder daß sie den Rücken des Esels berührt

hätten, nein; auf jeder Seite desselben saß eine der Frauen ganz bequem auf einer Art Stuhl, der mit demjenigen auf der andern Seite des Esels über dessen Rücken weg, verbunden war...

Dasselbe berichtet Rigel (1839; 29/30) aus der Umgebung von Bayonne:

„In der Nähe der Pyrenäen besteht noch die eigene Ge- wohnheit, daß man zu zweien oder dreien auf einem Pferde oder Esel reitet. Dies nennt man dort das Reiten en carcolet. Es hängt nämlich auf jeder Seite des Thieres ein mit Rück- und Nebenlehnen versehener Sessel, worauf eine Person Platz hat. Des Gleichgewichtes wegen nimmt der Leichtere einen Stein auf den Schoß; doch erfordert das Absteigen einige Vor- sicht, wenn es für den Einen oder den Andern nicht hals- brechend seyn soll. Für zwei ist es am rathsamsten, wenn sie zugleich abspringen; reiten aber ihrer drei zusammen; so macht sich der auf dem Rücken des Thiers Sitzende zuerst auf den Boden und erleichtert das Absteigen dadurch, daß er auf einer Seite den Sessel festhält.“

Meistens aber reiten die Frauen der Landleute auf längeren Strecken einzeln auf Eseln und Maultieren. Hierüber berichtet auch Humboldt (Spanienreise 285) aus Vendrell bei Villafranca (Katalonien):

„In Vendrell nahm ich für meine Frau und Kinder Esel... Meine Frau hatte einen Sattel, wie ihm hier die Bauerfrauen häufig brauchen, mit einer Stricklehne hinten und zur Seite. Einen solchen Sattel nennt man hier Senganillas.“

111 Krüger, HPyr I, 199.

a

Neben der von Humboldt angedeuteten einfachen Form finden sich diese Frauensättel beispielsweise im Pyrenäengebiet in der ver- schiedensten Ausprägung, mit Holzstützen, gepolsterten Sitzen sowie Seiten- und Rückenwänden!!:. Auch die von dem Verfasser an- geführte Bezeichnung (= enganillas; verhört aus las enganillas?) kommt im katalanischen Pyrenäengebiet mit verschiedenen mund- artlichen Abweichungen vor, z.B. als enganillas, anganilles, arganilles, ankanilla'”?,

5. Bienenzucht.

Über die Bienenzucht in Spanien liegen nur wenige Mitteilun- gen der deutschen Reisenden vor. Immerhin haben mehrere von ihnen Charakteristisches beobachtet. Es ist die schon aus römischer Zeit stammende Sitte, Bienenstöcke aus Rindenstücken hohler Baumstämme herzustellen. Krüger!!* führt als Verbreitungsgebiet Portugal, Galizien, Teile Sanabrias, den Bierzo und die Montaüa an, ohne die dazu verwendeten Bäume näher zu bezeichnen.

Unsere Reisenden haben sie auch in anderen Teilen der Halb- insel angetroffen!!®, So berichtet Loning (355) aus Unteraragön, daß der Landmann starke Bienenzucht treibe:

„Die Bienenkörbe bestehen aus hohlen Baumstämmen und liegen bei dreißigen auf einander mitten im Gebirge, stunden- weit vom Orte entfernt. Der Besitz der Bienen aber ist so heilig, daß Niemand es wagen würde, seinen Nächsten zu be- stehlen. Ich habe mich mehrere Male hiernach erkundigt, ob dieser Fall je vorgekommen sei, aber immer zur Antwort er- halten, daß kein Bewohner des Orts sich dessen erinnern würde.“

Eine besondere Art der Aufstellung schildert Plüer (274) vor ihm:

112 Krüger, HPyr I, 171/172.

113 vgl. Krüger, HPyr C I, 172.

114 WS X, 108.

115 Inzwischen ist die umfassende Untersuchung von W. Brinkmann, Bienenstock und Bienenstand in den romanischen Ländern. Hamburg 1938, erschienen. 5

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„Auf der Sierra Morena waren hin und wieder Behältnisse für Bienenstöcke: eine im Kreise gezogene Mauer schloß sie ein, und verwahrte sie vor wilden Thieren. Die Bienenstöcke sind, so viel wir wissen, in ganz Spanien von Baumrinden, und am meisten von den Rinden der Eichen.“

Es bleibt zweifelhaft, ob hiermit die immergrüne Eiche oder die Korkeiche gemeint ist. Daß die letztere vielfach zu Bienenstöcken verwandt wird, bestätigen uns zwei Reisende aus Andalusien und aus Algarve!!®, So schreibt Willkomm (II, 262), als er sich in der Nähe von Arcos aufhält:

„In den alten hohlen Korkeichen der Umgegend nisten viele wilde Bienen, deren Honig von diesen Hirten in großer Menge gesammelt ... wird. Auch bemerkte ich eine Menge künstlicher Bienenstöcke, die sämmtlich aus großen Rinden- stücken der Korkeiche verfertigt waren.“

Und Link (II, 169) ergänzt dies aus Palma in Algarve, denn die Rinde des Korkbaumes (sovereira) dient, „außer dem überall be- kannten Gebrauche als Korkholz, hier noch zu Bienenstöcken“. Von diesen übereinstimmenden Zeugnissen über das Material der Bienenstöcke weicht eine Mitteilung Plüers (57) auffallend ab, der von der Fahrt zwischen Paredes (Altkastilien) und Jadrague berichtet:

„Auf der Reise habe ich verschiedentlich vornehmlich in Alt-Castilien, unten an den Berg gelehnte kleine steinerne Häuserchen wahrgenommen, worinn Bienen verwahret wurden.“

116 Auch auf Sardinien sind Bienenstöcke aus Korkrinde gebräuchlich (M.L. Wagner, Das ländliche Leben Sardiniens im Spiegel der Sprache. Heidelberg 1921, S. 83.)

a

II. Das spanische Haus.

Inhaltsverzeichnis.

Be ographie eg een en.

ı. Das spanische Bauernhaus .. .. .. 22 22 um a) Der baskische casero .. .. 2 en b) Das Hochpyrenäenhaus .. .. .. 2.2 em c) Das niederaragonische Bauernhaus 6

d) Das Bauernhaus der Huerta von Valencia

e) Das Bauernhaus der Alpujarras ..

. Das spanische Stadthaus .. .. 22.0 er een a) Das andalusische Haus .. .. 2 un ee ee en EEE Tas de a pn aeg Ag, Do

b) Das murcianische Haus ,.

3.:Posada und venta .. .. .. ..

4. Höhlenwohnungen ..

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Yrizar, J. de, Las casas vascas. San Sebastiän 1929.

Tee

Das spanische Haus ist ähnlich wie andere volkskundliche Dinge meistens dann Gegenstand der Beachtung und Schilderung seitens

der deutschen Spanienreisenden, wenn es sich in Aussehen, Bauart

und Einrichtung auffällig von heimischen Formen unterschied. Wo das malerische Element, wie beim baskischen caserio oder beim andalusischen Stadthaus hinzukam, haben die Besucher mit be- sonderer Liebe und Sorgfalt das Bild dieser Bauten entworfen. Im übrigen dürfen wir, trotz der vielen Reiseschilderungen, auch bei der Behandlung der Hausformen keine Vollständigkeit erwarten. Reiseweg, Beobachtungsgabe des einzelnen und Lust zum Dar- stellen dieser Dinge spielen vielfach bei der Entstehung der Schilderungen eine entscheidende Rolle.

So habe ich aus dem vorhandenen Material das Geeignete herausgegriffen und nacheinander in vier Abschnitten: das spanische Bauernhaus, das spanische Stadthaus, Venta und Posada sowie die Höhlenwohnungen behandelt. Beschreibungen des Bauernhauses aus den nordwestlichen und westlichen Provinzen fehlen voll- ständig, da diese Gebiete zu wenig bereist worden sind. Die Dar- stellungen über das Bauernhaus beschränken sich daher auf den Norden, die Huerta von Valencia und die Alpujarras. Umgekehrt war das Stadthaus besonders im Süden der Halbinsel Gegenstand der Schilderung. Venta und Posada, diese für das Reisen in damaliger Zeit so wichtigen Einrichtungen, werden hauptsächlich für das dünn besiedelte Neukastilien aufgeführt.

1. Das spanische Bauernhaus. a) Derbaskische caserio.

Von den verschiedenen Arten von Wohnbauten, die das Basken- land aufweist Yrizar! teilt sie ein in torres, palacios, casas popu- lares urbanas und caserios —, ist der caserio als die am weitesten

1 J. de Yrizar, Las casas vascas. San Sebastiän 1929.

0

verbreitetste Form insbesondere des ländlichen Hauses auch fast ausschließlich von den deutschen Reisenden eingehender beschrieben worden, Seine charakteristischen Merkmale, das stattliche Aussehen und die die Aufmerksamkeit fesselnde Einzellage, welche vor. herrscht, reizten besonders zur Schilderung.

Nur an einer Stelle spricht ein Reisender auch von einem anderen Haustyp im Baskenland. So erwähnt Rochau (II, 292) aus Pasajes die Behausungen, in denen die Fischerbevölkerung lebt:

„Die Vorderseite der Häuser, welche durchweg dem Wasser zugekehrt ist, hat große hölzerne Balkons, welche zuweilen weit über die Fluthen vorspringen, zuweilen aber auch in das Haus hineingebaut sind. Hellfarbig angestrichenes Holz- werk und ein paar Blumentöpfe auf den Balkons geben manchem der Häuser von Pasajes trotz der deutlichen Spuren der Altersschwäche ... einen ganz freundlich wohnlichen Anstrich.“

Nach Yrizar® sind diese Häuser neueren Ursprungs, ohne daß Näheres über ihre Entstehungsgeschichte bekannt ist. Sie können worauf Rochau nicht eingeht ein- oder mehrstöckig sein, zeichnen sich aber immer durch die auch von ihm genannten, über die ganze Breite der Fassade sich erstreckenden Balkons aus.

Der Ursprung des caserio ist ungeklärt. Die Theorie von Frankowski, der ihn auf die palafitos zurückführen will, wird, offenbar mit Recht, von Yrizar? abgelehnt. Yrizars eigene An- nahme, daß der caserio aus dem Mensch und Vieh unter einem Dach vereinenden Einraumhaus entwickelt worden ist, hat viel für sich.

Über die ältere Form der caserios besitzen wir eine Dar- stellung Humboldts (Baskische Reise 409/410) aus der Nähe von Oyarzun (Durango):

„Caserio. Ziemlich hohes halb aus Steinen halb aus Holz gebautes Haus von zwei Stockwerken. Flach ablaufendes Dach ohne Schornstein. Von hölzernen Pfeilern unterstützter Vor- flur (Porticus). Da stand die kleine knarrende mit einem Korb

2 Yrizar, a. 8.0.69. s A.a.0,74,

- 1

wie ein Schanzkorb umgebene Ochsenkarre, andres Geräth, frische Eichenzweige. Haus, Stall und Boden unter einem Dach. Eine Wittwe bewohnte ihn mit ihren Kindern. Der Sohn, ein hübscher großer kräftiger Mann, kam mit den beiden Ochsen zu Hause. Er ließ sie in den Stall, und sie steckten treuherzig ihre Köpfe durch die dazu gemachten Oefinungen in die Küche, um zu sehn, ob man ihnen etwas gäbe. Denn die Krippe ist in der Küche, und in der Wand, welche Küche und Stall sondert, sind Löcher für jedes Haupt Vieh (meist zwei) gemacht, wodurch sie die Köpfe zum Fressen stecken. Der Ochse, der Gefährte der Arbeit, also nicht ausgeschlossen vom Familiencirkel. Die Küche ohne Schornstein, schwarz. Daneben ein paar Kammern zum Schlafen, Oben Stroh und Kornboden, auch einige Kammern und über der Küche ein kleiner Boden, den Mais zu trocknen. Neben dem Hause daran angebaut ein Backofen .. .“

Diese knappe Schilderung enthält schon vieles, was für den caserio typisch ist. Das Alter des beschriebenen Hauses wird ge- kennzeichnet durch Humboldts Angabe, daß es „halb aus Steinen halb aus Holz“ gebaut ist. Dies trifft auf die ältesten caserios zu, deren Mauern im Erdgeschoß aus Bruchsteinmauerwerk (mampo- steria) bestehen, während das obere Stockwerk aus Fachwerk er- richtet ist, das mit Planken verschlossen ist. Eine Verbesserung stellt der Ersatz der, Planken und das Ausfüllen des Fachwerks mit Bruchsteinen oder Ziegeln dar’.

Zu dem Äußeren paßt auch das Innere des Hauses, denn Dach und Küche besitzen nach Humboldt keinen Schornstein. Der Rauch sucht also wie in allen nach altem Stil gebauten cocinas Spaniens seinen Auslaß durch das Gebälk des Daches und die Tür. Sehr interessant ist, was Humboldt über die Unterbringung des Viehs zu berichten weiß. Daß die Krippen der Ochsen mit der Küche in Verbindung stehen, findet sich auch heute noch ver- einzelt in baskischen caserios®. Yrizar? gibt dafür als Beispiel den

4 Yrizar, a.2.0.92 und Tafel LXVI.

5 Yrizar, a.a.0.93; Fig.53 und Tafeln LIV, LVI, LXI, LXXIX. ® Yrizar, 2.2. 0.91.

7 A.a.O. Fig. 51.

tg

Grundriß eines von zwei Familien bewohnten Bauernhauses ay

Mallavia. Euhaie

Nach einem längeren Aufenthalt im Baskenlande äußert sie Willkomm (Wanderungen I, 216/217; 221/223) ausführlich üb« den baskischen caserio:

„Ich habe schon zu wiederholten Malen erwähnt, daß die Landschaften der baskischen Provinzen besonders deshalb anmuthig sind, weil sich dort eine enorme Menge einzeln stehender Häuser und kleiner Gehöfte befinden, welche über Berg und Thal ohne alle Ordnung umhergestreut sind und deren Erbauung häufig blos die respective Lage, die Bequem- lichkeiten, welche das Terrain, die Nähe des Wassers u. dgl.m. darboten, veranlaßt zu haben scheint. Die älteren dieser sogenannten Caserios ... bewahren den eigentlichen Typus der baskischen Bauart und sind deshalb einer sorgfältigen Schilderung werth. Abweichend von dem Baustyle der länd- lichen Wohnungen anderer Gegenden Spaniens, und vielleicht Europa’s überhaupt, sind bei den baskischen Landhäusern die Giebelseiten am breitesten. Das Haus besteht gewöhnlich aus einem Erdgeschoß und einem obern Stockwerk. Der Haupt- eingang, hoch und breit genug, um ein beladenes Pferd oder Maulthier hindurchzulassen, befindet sich stets auf derjenigen Giebelseite, welche die vordere Seite des Hauses vorstellt...

Das Dach des Hauses ist flach, mit Hohlziegeln gedeckt und springt rings herum zwei Ellen weit oder auch noch weiter über die Mauer des Hauses vor, damit das Regenwasser nicht an den Wänden hinablaufe; denn Rinnen pflegen nicht gebräuchlich zu sein. Der unter dem Dache befindliche Boden, welcher zur Aufbewahrung des Getreides u.s. w. dient, besitzt gewöhnlich gar kein Fenster, sondern erhält das Licht durch große Oeffnungen im Giebel, oder, wenn wie oft das Dach noch um einige Ellen über die Decke des obern Stockwerkes erhaben ist, in den Seitenwänden. Diese Oeffnungen werden zugleich benutzt, um das Getreide, Stroh, Heu u. dgl. m. herauf- zuziehen. Nicht selten fehlt ein großer Theil des Giebels oder der Seitenwände gänzlich, so daß das Sparrwerk des Daches blos auf hölzernen Säulen ruht, welche in der Mauer befestigt

ee

sind. Häufig besteht der ganze obere Theil des Hauses aus Holz, gewöhnlich jedoch sind die Häuser gänzlich aus Steinen aufgeführt. Bisweilen ist an einer der Seitenwände im oberen Stockwerk eine offene, mit hölzernem Geländer versehene Gallerie angebracht, die von dem vorspringenden Dache über- schattet wird, ganz ähnlich wie bei den Bauernhäusern in der Schweiz oder an den ältern Bauernhäusern in der Lausitz, wo man diesen Theil des Hauses die „Vorbühne“ zu nennen pflegt...

Den Eingang des Wohnhauses beschatten häufig ein paar alte Nußbäume, Eichen oder Kastanien mit von Epheu oder Weinreben umschlungenen Stämmen und malerisch durch- rankten Kronen; auch ist der Eingang wohl von einer Reben- laube überdeckt, deren Ranken sich durch das rothe Balcon- geländer hindurchschlingen und bis zum Dache hinauf- greifen... In Guipuzcoa sind die Caserios fast überall von wahren Hainen von Äpfelbäumen umgeben; in Vizcaya werden in der Tierra baja die Äpfelplantagen durch Weingärten, in der Tierra alta durch Nußbäume und Kastanien ersetzt.“

Die zerstreute Einzellage ist, worauf Willkomm hinweist, eines der charakteristischsten Merkmale des caserio. Wenn er die auf- fällige Tatsache herausstellt, daß bei den baskischen Bauern- häusern die Giebelseiten am breitesten sind, so muß hier die Ein- schränkung gemacht werden, daß der Grundriß ebenso häufig quadratisch wie rechteckig ist®, So berichtet auch Bergh (376) aus der Nähe von Mondragön in Guipüzcoa:

„Die Häuser sind quadratisch, unten und an den Seiten ganz aus Stein; die vordere und hintere Wand mit einigen Ständern, die durch ihren rothen Anstrich bei dem sonst weißen Bewurf der Häuser doppelt kenntlich hervortreten; ein zu beiden Seiten flach geneigtes, weit vorragendes Ziegel- dach.“

Was das verschiedene beim Bau des caserio verwendete Material anbetrifft, von dem Willkomm spricht, so wurde die Entwicklungs- reihe oben bereits angedeutet. Das ganz aus Stein aufgeführte

8 Yrizar, a.a. 0.90.

—- 1

Haus, bei dem das Fachwerk vollkommen fehlt, stellt die jüngste Form dar’. Beispiele für das von Willkomm erwähnte Fehlen eines Teiles des Giebels, „so daß das Sparrwerk des Daches blos auf hölzernen Säulen ruht“, finden sich auch heute noch bei älteren Bauten, besonders in Vizcaya!°, Interessant ist die Beobachtung des Verfassers, daß an einer Seitenwand im oberen Stockwerk‘ zu- weilen eine hölzerne Galerie angebracht ist. Yrizar!! gibt hierfür ein Beispiel aus Amorebieta (Vizcaya). Genauer als Willkomm bezeichnet Humboldt den durch den Eingang gebildeten Raum in der bereits angeführten Schilde- rung (Humboldt, Baskische Reise 409) als einen „von hölzernen Pfeilern unterstützten Vorflur (Porticus)“. An einer anderen Stelle des Tagebuches (Humboldt, Baskische Reise 411) notiert er aus Durango: „Wieder Spatziergänge auf Caserios .. . Die Häuser ländlich entzückend. Die ofne Laube des Flurs stützt eine steinerne Säule. Auf jeder Seite streckt ein stäm- miger Weinstock seine Reben an der Wohnung aus, überrankt sie mit dichtem Laub und farbigen Trauben und strebt sich um das mittlere Fenster herum zu vereinigen. Manchmal um- rankt auch Ein einziger herumgezogener mehrere Seiten des Hauses.“

Dieser säulengetragene Flur, den Humboldt in einer Skizze festzuhalten versucht hat, und der den Namen portalön trägt, kommt bei fast allen baskischen caserios vor. Gewöhnlich nimmt er, wie auf Humboldts Zeichnung, die Mitte der Giebelwand ein, doch gibt es auch Häuser, bei denen er an eine Ecke verlegt ist!!. Der Pfeiler (bisweilen auch mehrere), der die Balken der Giebel- wand stützt, ist, wie auch Humboldt berichtet, entweder aus Stein!® oder, meist bei älteren Häusern, aus Holz!. Daneben

® Yrizar, a.a. 0.94.

10 Yrizar, a.a.0.Fig.57; Tafel, LXI, LXXI, LXXVI. Baeschlin, Le arquitectura del caserio vasco, Barcelona 1930, 164.

11 Tafel LIV.

12 Yrizar 95; vgl. Fig.50; Tafel LVI. Baeschlin 92, 198.

18 Yrizar, a.a. 0.94; Tafel LIV, LIX, LXII, LXIII u.a.

14 Yrizar, a.a.Q. Tafel LVI, LXI, LXVI. Baeschlin 92.

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kommen Säulen aus Holz und Stein kombiniert vor!®, Heute zeigen _ viele caserios gemauerte Portale in Bogenform, was auf städtischen Einfluß zurückzuführen ist!®.

Wie Humboldt von Weinstöcken spricht, die die Eingangsfront überziehen, und sie auch auf seiner Skizze darstellt, so erwähnt willkomm in seiner Schilderung ebenfalls Weinreben und Wein- lauben als Schmuck des caserio. Beides findet sich noch heute häufig an den Bauernhäusern, besonders in Guipüzcoa und Vizcaya!”,

Das Innere des baskischen Hauses schildert Willkomm (Wanderungen I, 217—220) gleichfalls sehr eingehend:

„Der Haupteingang, hoch und breit genug, um ein be- ladenes Pferd oder Maulthier hindurchzulassen, befindet sich stets auf derjenigen Giebelseite, welche die vordere Seite des Hauses vorstellt. Durch denselben tritt man in einen Raum, dessen Boden mit Ziegeln oder Steinen gepflastert zu sein pflegt, auch wohl blos aus festgestampftem Erdreich besteht. Dieser Raum ist der gewöhnliche Aufenthaltsort der Familie, ihr Arbeits- und Speisezimmer, weshalb sich in demselben auch stets der Feuerheerd befindet, auf dem die Speisen be- reitet werden. Neben dem Heerde, über dem gewöhnlich ein großer pyramidaler Rauchfang angebracht ist, pflegt, wie über- all in Spanien, das gesammte Küchengeschirr auf hölzernen Regalen aufgestellt oder an in der Wand befestigten Nägeln reihenweis aufgehängt zu sein. Auch stehen in der Nähe des Heerdes in Vertiefungen der Mauer die großen irdenen Krüge, welche zur Aufbewahrung des Wassers dienen. Wie wohl überall in Südeuropa, wenigstens in Spanien, so auch hier ist der Heerd nur wenige Zolle über den Fußboden er- höht und werden die Speisen unmittelbar an und über dem lohenden Feuer bereitet. Zwei niedrige wegnehmbare Barrieren oder Geländer von Eisen begränzen die Feuerstätte auf beiden

15 Baeschlin, a. a. O. 167, 198.

16 Yrizar, a.2.0.94; vgl. Tafel LIII, LVI, LVII, LVII, LIX u.a.

17 Beispiele für Weinstöcke am Haus bei Yrizar, Tafel LIII, LIV, LXIV, LXIX und Baeschlin 104, 106, 111, 122; Beispiele für Weinlauben (emparrado) bei Yrizar, Tafel LVII, LXIX, LXXIII und Baeschlin 99,

Seiten, und ein aus dem Rauchfange herabhängender eiserne: Haken ist bestimmt, den Kessel zu tragen, welcher zum Heiß- machen des Wassers dient. Beim Feuermachen legt man zu- nächst einen dürren schenkeldicken Ast oder Baumstamm an den hintern an die Mauer stoßenden Rand des Heerdes, sodann einige dünnere, ebenso lange Aeste parallel daneben, und lehnt an diese Unterlage die kleinern Holzstücke an, welche man mit dünnem Reissig, wohl auch mit Stroh oder Farrnkraut bedeckt. Vermittelst einiger glühenden Kohlen, die etwa immer in der Asche vorhanden zu sein pflegen, und des Blase- balgs, welcher in keiner spanischen Wirthschaft fehlen darf, setzt man zuletzt das Ganze in Brand, und legt die brennen- den Reisser und Holzstücke von Zeit zu Zeit mit der wie eine Scheere gestalteten Feuerzange in Ordnung.

Von Geräthschaften enthält das geschilderte Gemach ge- wöhnlich blos einen kleinen, niedrigen, roh gezimmerten Tisch und einige aus Brettern zusammengenagelte Bänke und Stühle, oder mit Strohgeflechten bedeckte Sessel, zu denen sich fast immer ein großer, auf massiven gedrechselten Füßen ruhender, gepolsterter, mit Leder überzogener und mit hoher, ebenfalls gepolsterter Lehne versehener Armstuhl gesellt, der dem Herrn des Hauses gehört und dem eintretenden Gaste präsentirt zu werden pflegt. Eine der Hausthüre gegenüber angebrachte, eben so große und gewöhnlich unverschlossene Thüre setzt das Küchengemach mit den dahinter liegenden Abtheilungen des Erdgeschosses in Verbindung, unter denen der Stall für die Last- und Zugthiere immer die größte zu sein pflegt. Von den übrigen Parterregemächern, deren es gewöhnlich nicht viele giebt, verdient blos noch das Schlaf- gemach der Familie erwähnt zu werden... Ueber jedem Bette pflegt ein kleines hölzernes Kreuz oder ein bleiernes Crucifix und darunter ein kleines, beinahe wie ein Wand- leuchter gestaltetes, mit geweihtem Wasser gefülltes Weih- becken von Glas aufgehängt zu sein. Eine hölzerne Treppe führt entweder aus der Hausflur oder aus dem Stallraum, der gewöhnlich durch eine Hinterthür mit dem hinter dem Hause befindlichen Hofe in Verbindung steht, in das obere Stockwerk hinauf, unter dessen Abtheilungen ein über der Hausflur ge-

A

legenes größeres Gemach, die sogenannte Sala, den ersten Rang einnimmt. Dieses Gemach hat meist zwei Fenster nach vorn heraus, welche wie alle übrigen Fenster des Hauses fast viereckig zu sein pflegen und blos vermittelst nach Innen sich öffnender Holzläden verschlossen werden. Zwischen den beiden Fenstern führt eine Flügelthür auf den über der Haus- thür befindlichen Balcon, dessen Geländer fast immer von Holz, und roth angestrichen ist. Die Sala ist so zu sagen „die gute Stube“ des baskischen Bauernhauses. Der Fußboden be- steht aus schmalen eichenen Dielen; an den weiß getünchten Wänden pflegen bunte, grob gemalte Heiligenporträts und profane Bilder... zu hängen. In einer Ecke steht vielleicht ein vom Alter geschwärzter, mit kunstreichem Schnitzwerk verzierter Schrank oder Kasten von Nußbaumholz, dem man es ansieht, daß’er schon Jahrhunderte gedient hat. In dem- selben bewahrt der Baske seine Kleinodien, sein Geld und seine heiligen Urkunden, die Hausfrau ihre Wäsche und Schmucksachen . . . Einige Tische und eine Reihe von Stühlen

,. vollenden das Ameublement des ländlichen Putzgemachs.“

Die Küche befindet sich in den baskischen caserios gewöhnlich im Erdgeschoß, und zwar entweder seitlich vom portalön, durch den man sie betritt!, oder, mit ihm durch eine Tür verbunden, dahinter!?, was Willkomm als das Übliche bezeichnet. Daneben gibt es endlich caserios, bei denen eine Tür von der Vorderfront des Hauses direkt in die Küche führt”.

Im übrigen ist die von Willkomm angeführte Verteilung der Innenräume allgemein gebräuchlich. Daß die Stallräume den größten Teil des Erdgeschosses einnehmen, zeigen auch die Grund- risse der heutigen caserios!. Auch was Willkomm über das Staatszimmer, die sale, zu sagen weiß, trifft mit örtlichen Unter- schieden noch für die Gegenwart zu. So sind bei vielen älteren Bauernhäusern, denen der Balkon fehlt, zwei über den portalön gelegene Fenster die Regel®?, Wo ein Balkon mit dem rotgestriche-

18 Vgl. die Grundrisse bei Yrizar, Fig.50, und Baeschlin 56, 83, 145. 18 Baeschlin 45, 56, 105, 144.

20 Yrizar, Fig. 49, 51.

21 Yrizar 91 und Fig. 49, 50, 51, 52.

22 Yrizar, Tafel LIV, LXI, LXIX, LXXI; Baeschlin 38.

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nen Geländer die Giebelwand ziert nach Yrizar?® eine neuer Einrichtung —, sind eine oder beide Fensteröffnungen zu Balkon. türen umgebildet?, oder es ist, wie Willkomm berichtet, eine be. sondere Tür vorhanden. Die sich nach innen öffnenden Holzläden sind jetzt zumeist durch Fensterscheiben ersetzt, bei älteren Bauten allerdings noch heute erhalten?.

Die von Willkomm geschilderte Einrichtung der Küche mit dem „großen pyramidalen Rauchfang“ entspricht im Gegensatz zu der oben wiedergegebenen Darstellung Humboldts, der das Fehlen eines Rauchabzuges hervorhebt, einem jüngeren Entwicklungs- stadium®®. Bei diesem befindet sich der Herd was Willkomm nicht deutlich werden läßt fast immer an einer Seitenwand und nicht in der Mitte des Raumes?’. Die von Willkomm genannten Herdgeräte Eisengeländer, Herdkette, Blasebalg und Feuer- zange sind auch heute noch anzutreffen?®, verschwinden aber immer mehr?®. Auffallend ist, daß der Verfasser nichts erwähnt von dem txixilu, jenem herunterklappbaren Tisch, der für die baskische Küche typisch ist®". Die Literatur verzeichnet allerdings nicht, wann dieses praktische Gerät aufgekommen ist.

b) Das Hochpyrenäenhaus.

Aus dem Gebiet der Hochpyrenäen besitzen wir besonders aus Hocharagonien eine Anzahl Schilderungen deutscher Reisender über die Hausformen. Unter diesen befindet sich auch die Be- schreibung eines Lagers von Hirten, deren Hütten, da sie nur vorübergehend bewohnt sind, in den ganzen Pyrenäen zu den primitivsten Wohnbauten gehören®!. So berichtet Lichnowsky

23 A.a2.0.98.

24 Yrizar, Tafel LIX, LX; Baeschlin 92, 93, 96, 98.

25 Yrizar, Tafel LIX, LXII, LXVI.

26 Vgl. auch Yrizar, a.a.0.111.

27 Ein Beispiel für den Herd in der Mitte der Küche bei Baeschlin, a.a.0.140.

28 Vgl. die Abb. bei L. Torres Balbäs, FoCoEsp III, 309, und Baeschlin 140.

29% Über die Zusammenhänge mit dem Herdgerät der übrigen Pyrenäen vgl. Krüger, HPyr A Il.

& Baeschlin 139 ff.

a Vgl. Krüger, HPyr A 1, B7f&

Bere

(II, 118) aus dem katalanischen Teil der Pyrenäen bei Prats de Mollö über den Anblick, der sich ihm auf einem Plateau bietet:

„Hier lehnten an Felsspalten fünfzehn bis zwanzig kleine, vier bis fünf Fuß hohe Baraken (hurdas), durch die Hirten der transhumirenden, spanischen Schafe aus Lehm und Stein aufgebaut; in deren Mitte eine Größere, die Küchenbarake. Der einzige Bewohner dieses kleinen Dorfes war ein alter Hirt, der diese Baraken, mit den darin befindlichen Utensilien, während der Abwesenheit seiner Gefährten bewachte. Diese bringen mehrere Monate in Spanien zu und wechseln dann auf französisches Gebiet, wo ihre Heerden gegen eine kleine Abgabe weiden .. .*

Daß die Hirtenhütten nicht nur einzeln, sondern auch in Gruppen zusammenliegen, gilt auch sonst für das Pyrenäengebiet?®. Immer- hin ist die hier genannte Zahl recht groß und läßt auf eine statt- liche Herde schließen. Auffallend ist die vom Verfasser angeführte Bezeichnung der Hütten als hurdas, während sie sonst köba, kabäna, kaseta, &öba usw. heißen®®. Über die äußere Form sagt Lichnowsky abgesehen davon, daß er die Höhe bezeichnet —, nichts. Doch ist seine Angabe zu beachten, wonach die Hütten aus Lehm und Stein aufgebaut sind, während sonst im Pyrenäengebiet die Wände der Hirtenbehausungen überall ohne Bindemittel nur durch Übereinanderschichten von Felssteinen errichtet werden.

Das hocharagonische Pyrenäenhaus ist den Reisenden an verschiedenen Orten durch charakteristische Einzel- heiten aufgefallen. So schreibt Willkomm (Wanderungen I, 311) aus Canfranc im Hochtal des Rio Aragön:

„Canfranc, ein freundlicher, gut gebauter und wohlhaben- der Flecken, überrascht durch die hohen, spitzen mit Schiefer oder mit Schindeln, oder vielmehr mit aufgenagelten Brettern gedeckten Dächer seiner Häuser. Die im Süden gebräuchlichen flachen Ziegeldächer, welche man noch in Castillo und Villa- nueva bemerkt, erweisen sich nämlich in den hohen Pyrenäen-

a2 Krüger, HPyr A I, 67.

3 Über das Vorkommen dieser und anderer Wortformen vgl. Krüger, HPyr A I, 65.

3 Krüger, HPyr A I, 61.

9

thälern wegen des starken und anhaltenden Schneefalles in Winter als unpraktisch. Daher besitzen die Gebäude aller Ort. schaften der Hochpyrenäen spitze Dächer... .“

Das zumeist mit rohen Schieferplatten gedeckte Spitzdach, das Willkomm beobachtet hat, ist auch heute noch kennzeichnend für alle Ortschaften des westlichen Hocharagön, während im mittleren Hocharagön flachere Dachformen an seine Stelle treten®®.

Weitere Einzelheiten über die Hausformen berichtet derselbe Reisende aus dem ebenfalls im Aragöntal gelegenen Jaca (Will- komm, Wanderungen I, 279). Er sagt von den „weiß getünchten Häusern“ dieses Ortes:

„Dieselben haben ... meist keine Balcons, sondern blos Fenster, die häufig von ungleicher Größe und ohne alle Ord- nung angebracht, und nicht selten anstatt der Glasscheiben blos mit Läden, oder mit eigenthümlichen, nach der Gasse zu ausgebauchten Holzgittern verschlossen sind.“

Mauern aus rohen Felssteinen mit einer Mörtelmasse verbunden herrschen bei den Häusern Hocharagoniens vor; doch finden sich daneben auch weißgetünchte Hauswände®®, die in einer Stadt wie Jaca leicht überwiegen können. Treffend ist Willkomms Beobach- tung über die Fenster. Verschieden große und unregelmäßig über die Hausfront verteilte Öffnungen, deren Zahl zudem aus klima- tischen Gründen sehr beschränkt ist, kennzeichnen noch heute alle älteren Pyrenäenhäuser in Hocharagonien?”, und auch die „eigen- thümlichen, nach der Gasse zu ausgebauchten Holzgitter“ ent- sprechen den türartigen Öffnungen mit eingesetzter Holzbrüstung, die, ursprünglich in dem über dem Wohnstock gelegenen Geschoß des Hauses angebracht, die neueren Balkons oder Holzgalerien ersetzen®®.

Ein weiteres charakteristisches Merkmal des Hauses im ganzen Gebiet der aragonisch-navarresischen Hochtäler ist der große glockenartige Rauchabzug, der sich überall da findet, wo die alte

% Krüger, HPyr A I, 123, 129.

46 Vgl. Krüger, HPyr A I, Phot. 67, 68 und 70—72.

87 Krüger, HPyr A I, Abb.4 und Phat.61, 63, 65, 69.

38 Solche Holzbrüstungen sind abgebildet bei Krüger, HPyr A I, Phot, 54, 65 und Abb. 4c (Hocharagonien).

al

Form der in der Mitte der Küche gelegenen Feuerstelle bei- behalten worden ist®. Cl. v. Glümer hat ihn in Salientes bei Panticosa in Hocharagonien beobachtet (Glümer I, 270):

„Da die Posada statt des Kamins einen Heerd und statt des Schornsteins einen thurmartigen Aufsatz mit verschiede- nen Luftlöchern hatte, konnte sich der Rauch durch das ganze Gebäude verbreiten .. .“

Und ebenso berichtet dieselbe Reisende über eine Herberge bei dem weiter östlich in Sobrarbe gelegenen Paß von Benasque (Glümer II, 136):

„Es ist ein kleines viereckiges Gebäude, dessen Mauer- steine nicht durch Mörtel verbunden sind, so daß Luft und Feuchtigkeit von allen Seiten einzudringen vermögen. Aber das Schieferdach vermag wenigstens den Regenfluthen zu wehren, und mit wahrhafter Freude sahen wir das große Feuer auf dem Heerde, der nach spanischer Sitte die Mitte des Gemaches einnimmt und dem Rauche eine ungehinderte Cirkulation durch alle Räume des Hauses gestattet, bis es ihm genehm ist, durch das fensterreiche Thürmchen das Weite zu suchen.“

Also auch hier wieder der charakteristische Rauchabzug. Im übrigen darf dieses kleine, auf einer Paßhöhe einsam gelegene Einraumhaus nicht als Typus des Pyrenäenhauses gelten, wenn auch Bau- und Bedachungsmaterial mit diesem übereinstimmen.

Bereits zu der katalanischen Provinz Lerida gehört das Vall d’Arän, aus dem wir zwei Schilderungen eines deutschen Reisenden besitzen. Der Verfasser der Reise eines Norddeutschen (II, 211) berichtet über den äußeren Anblick der Ortschaft Viella am Oberlauf der Garonne:

„Mehrere Thürme dominiren die zwar meist aus einem Erdgeschosse und ersten Stocke bestehenden, aber dennoch niedrigen Häuser des Hauptortes vom Thale Aran; die ent- weder durch ihr Alter gedunkelten oder aus einem in der Nähe der Stadt gebrochenen grauen Marmor aufgeführten

% Krüger, HPyr A I, 129.

B—

Wohnungen derselben und die aus einem ebenfalls unfern Viella befindlichen Schieferbruche hervorgegangenen Be. dachungen geben der dorfartigen Stadt einen ernsten, fast finstern Anstrich.“

Das zweigeschossige, dabei niedrige Haus ist auch heute noch häufig in dieser Gegend“, wenn es auch erst als neüerer Typ aus dem einfachen Hirtenwohnhaus hervorgegangen ist. Auffallend und wie der Verfasser angibt, aus örtlichen Verhältnissen zu er- klären, ist die Verwendung von Marmor zum Hausbau, während sonst im Vall d’Arän ebenfalls Felssteine vorherrschen. Die Be- dachung mit Schieferplatten ist in einem Ort wie Viella nicht ungewöhnlich zu nennen, während der Verfasser die heute noch für die Dörfer des Tales charakteristischen strohgedeckten Häuser mit Treppengiebel nicht erwähnt. Ergänzend zu dem Vorstehenden schildert: er (II, 198/199) die Inneneinrichtung der Häuser des weiter talabwärts nahe der Grenze gelegenen Ortes Bosost:

„Die Einrichtung der Häuser des Thales ist fast durch- gängig dieselbe. Die eine Hälfte des Erdgeschosses wird durch die Küche eingenommen, in welcher das Feuer unter einem großen Rauchfange auf der ebenen Erde brennt; um den untern Rand des Rauchfanges läuft ein Brett herum, auf dem in bunter Reihe alles mögliche Küchengeschirr bunt durch- einander aufgestellt it, Auf der Kante eines steinernen Gossesteines stehen hölzerne Wassergeschirre umher und an der von Rauch und Zeit geschwärzten, gewöhnlich die Wände des Gemaches bedeckenden Verdielung hängt der sonstige Hausrath umher, welcher in einem großen Schranke von Nußbaumholz nicht mehr Platz gefunden hat. Ein langer Tisch, hölzerne Schemel und Bänke vervollständigen die Ein- richtung der Küche, die zugleich Wohn- und Gastzimmer ist. Die andere Hälfte des Rez-de-Chaussee wird von einem zweiten Gemache eingenommen, in welchem Vorräthe aller Art um einige Bettstellen aufgehäuft sind; gewöhnlich sind indessen die Räume des obern Stockes zu den Schlafzimmern bestimmt und der Besitzer des Hauses findet dann, wenn er

40 Krüger, HPyr A I, 37.

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Handwerker ist, um so eher im untern Stocke Platz für seine Werkstatt.“ r .

Die Aufteilung des Erdgeschosses entspricht der auch heute noch im Vall d’Arän und anderen Teilen der Pyrenäen üblichen Trennung in kodina mit ebenerdiger Feuerstelle und Schlafraum säla*!. Die Umwandlung des über dem Erdgeschoß liegenden, ur- sprünglich als Heuboden dienenden Dachraumes in Schlafräume ist noch in der Gegenwart in vielen Orten zu verfolgen. Sie ist nicht auf das Vall d’Arän beschränkt, sondern auch in den französischen Nachbartälern zu beobachten‘?, wie das aranesische Haus in seiner Entwicklung und seinen Formen überhaupt enge Verwandtschaft mit dem französischen Pyrenäenhaus aufweist“. Dies erkannte auch bereits der Verfasser der Reise eines Norddeutschen (II, 199), wenn er im Anschluß an die oben wiedergegebene Schilderung fortfährt:

„Die äußere Bauart der Häuser gleicht in diesem Theile von Spanien sehr der in den Grenzdörfern des mittäglichen Frankreichs .. .*

c) Das niederaragonische Bauernhaus,

Aragonien ist einer der Teile der Halbinsel, die der Fuß eines Reisenden, zumal eines Ausländers nur selten betreten hat. In seinem nördlichsten Teil noch zur regenreichen Zone der Pyrenäen gehörend, geht es nach Süden zu, nach dem Ebrotale hin und dar- über hinaus immer mehr in das trockene Gebiet der inner- spanischen Meseta über. Das Haus der nördlichen Grenzzone Aragoniens ist oben zusammen mit dem der angrenzenden Pyrenäenlandschaften behandelt worden. Über die Dörfer der weiter südlich gelegenen Teile Aragoniens berichtet verschiedent- lich Willkomm, der als einziger Reisender diese Landschaften bei seinem zweiten Spanienaufenthalt berührt hat, Sie wirken so ärmlich und unfreundlich auf ihn, daß er auf ihre Bauart kaum näher eingeht.

4 Krüger, HPyr A I, 228. 42 Krüger, HPyr A I, 285. 4 Krüger, HPyr A IL, 297.

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So schreibt er aus der Nähe von Jaca im Tal des Rio Aragßı (Wanderungen I, 275): EN j „Die Gegend wird bald außerordentlich einsam; hier und

da klebt ein erdfahles Dörfchen an den kahlen Abhängen de Berge; dann und wann bemerkt man ein einsames Gehöft, eine Venta, einen Corral (von niedrigen Mauern umschlossenen Hof, bestimmt, um die Heerden des Nachts aufzunehmen) und dabei ein paar Felder: sonst ist Alles unbebaut, unbewohnt.. «

Und an einer anderen Stelle sagt er über die aragonischen Dörfer (Wanderungen II, 135/136): „Schon mehrmals habe ich des erdfahlen Aussehens der aragonesischen Ortschaften gedacht, eine Eigenschaft, durch welche dieselben die Landschaften mehr verunzieren, als ver- schönern. Diesem schlechten Aussehen entspricht auch die Bauart der Häuser. Dieselben besitzen in den kleinen Ort- schaften selten mehr als ein Erdgeschoß, haben flache, mit grauen Hohlziegeln gedeckte Dächer und enthalten nur wenig Gemächer, die durch kleine, ohne alle Ordnung angebrachte, gar nicht oder blos vermittelst hölzerner Laden yerschließbare Fenster spärlich erhellt werden. Nicht selten bilden der Vieh- stall und der Küchenraum, wo sich die Familie aufhält, ein einziges Gemach.“

Dieses erdfahle Aussehen der Häuser, das für die Dörfer im ganzen mittleren Aragonien und insbesondere zu beiden Seiten des Ober- laufes des Ebro und seiner Nebenflüsse zutrifft, beruht darauf, daß zum Bau an der Luft getrocknete Lehmziegel (adobes) verwandt werden. Da auch der Boden, von den Flußoasen abgesehen, eine gelbgraue Farbe aufweist, heben sich die Dörfer auf einige Ent- fernung kaum von ihrer Umgebung ab und scheinen vollständig in der Landschaft zu verschwinden. Die wenig geneigten Dächer in Sattel- oder Pultform sind auch heute noch überall dort an- zutreffen und ein charakteristisches Zeichen für die nach dem Innern zunehmende Trockenheitt,

Wie sehr sich dem Reisenden der Unterschied zwischen diesen eintönigen, melancholisch stimmenden Gebieten und der benach-

4 Vgl. Torres Balbäs, FoCoEsp III, 425 fl, er

—_-85—

barten freundlichen Küstenlandschaft aufdrängt, schildert Will- komm (Wanderungen II, 150/151), als er am Eingang der Ebene von Barracas Aragonien verläßt:

„An dem Anfange dieser Ebene... liegen an der Brücke über den Millares die Ventas de la Jaquesa, eine Reihe erd- fahler Häuser, die letzte aragonesische Ortschaft. Eine Stunde weiter südwärts schimmern aus der grauen ... Ebene von Barracas die Häuser des ersten valencianischen Fleckens, der sich durch die weiße Farbe seiner Gebäude schon von fern als solchen zu erkennen giebt... Der Contrast zwischen den beiden an einander gränzenden Landschaften und ihren Be- wohnern ist wirklich auffallend und seltsam... Denn während in la Jaquesa noch die Gasse sowohl, als das Innere der Häuser von Schmuze klebt, die Gebäude noch die beliebte erdfahle Farbe und das unfreundliche Aussehen der arago- nesischen Dörfer haben, die Menschen finster und mürrisch dreinschauen, kurz Alles eben ächt aragonesisch ist: findet man in Barracas freundliche, mit Balcons gezierte, weiß ge- tünchte Häuser, reinliche Straßen, sehr saubere Küchen und redselige, lebhafte, fröhliche und höfliche Leute... mit einem Worte, ist schon Alles ächt valencianisch.“

d) Das Bauernhaus der Huerta von Valencia.

Wie viele andere spanische Landschaften besitzt auch Valencia einen eigenen, bodenständigen Haustyp in der barraca valenciana, der in ähnlicher Form auch nördlich im Ebrodelta und südlich bei Orihuela und Murcia vorkommt“. Heute ist er in- raschem Schwinden begriffen. Während das jetzige Verbreitungsgebiet auf einen ungefähr 10km breiten Küstenstreifen beschränkt ist, der im Norden bis Sagunto, im Süden bis Cullera reicht, war die barraca früher sicher in der ganzen Huerta bis an die Randgebirge zu finden‘®,

Unsere Reisenden berichten aus dem vorigen Jahrhundert verschiedentlich über das Bauernhaus der Huerta. So gibt ins- besondere Ziegler eine ausführliche Schilderung, allerdings

45 Vgl. die ausführliche Darstellung von Thede, VKR VI, 252 fl, 46 Thede, VKR VI, 228 ff.

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ohne nähere Ortsangabe, die uns jedoch sofort verrät, daß wir uns im Gebiet des Korn und Gemüse bauenden Huertano befinden Er schreibt (I, 150): j

„Die Hütten (chozas) der Huerta sind wahre Schmuck. kästchen. Das Grundstück, worauf das freundliche Häusche) steht, ist meist von der Straße durch einen Graben und eine Hecke aus riesigen Aloen geschieden. Auf einem kleinen Stege gelangt man über den Graben, tritt durch eine mit Epheu und Marienbildern geschmückte Pforte in einen schattigen, von Weinreben gebildeten Laubgang ein, und gelangt so zur offenen Thüre der mit einem leichten Strohdach versehenen Hütte, deren Wände von Lehm gebaut und weiß angestrichen sind. Die innere Einrichtung ist sehr einfach. Durch die Hausthür tritt man in die mit blendendem Küchengeschirr, Wassertrögen und Geräthschaften ausgeschmückte Küche, die zum Hauptaufenthalte der ganzen Familie, sowie auch meist zum Nachtlager der Männer dient. Der Heerd, das Küchen- bret, ein kleiner Tisch und ein kleiner Schemel bilden den ganzen Hausrath. Neben der Küche befindet sich gewöhnlich ein kleines Gemach, das zur Schlafstube oder zur Rumpel- kammer benutzt wird. Die Pferde und die Ackergeräth- schaften finden unter einem an die Hütte anstoßenden Wetter- dache Platz. Unweit der Hütte stehen Orangen-, Feigen-, Johannisbrod- und Granatbäume, in deren Schatten der Land- mann während der heißen Jahreszeit, mit Ausnahme der Nächte, sich mehr als in dem Hause aufhält.

Auf meinen Streifereien in der Ebene von Valencia bin ich in mehrere dieser Bauernhäuser eingetreten. Die Leute empfingen mich jederzeit freundlich, ließen mich von ihrem Brod, ihren Erbsen und Melonen mitessen, erzählten treuherzig von ihren Haus- und Feldeinrichtungen und gestatteten mir recht gern, dieselben anzusehen und zu prüfen.“

Ganz ähnlich stellt Hackländer (I,281—283) die Bauern- häuser in der Umgebung von Valencia dar, wobei allerdings nicht der Verdacht von der Hand zu weisen ist, daß er sich in seinen Ausführungen auf die oben wiedergegebene Schilderung von Ziegler stützt.

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Auffallend ist, daß Ziegler ebenso wie andere Reisende (Hack- länder I, 283; Helmrich 94) die Bauernhäuser der "Huerta als chozas bezeichnet, während heute als alleiniger, allgemein üblicher Ausdruck vom Ebrodelta bis nach Murcia das katalanisch-valen- cianische barraca verwandt wird?’. Die von Ziegler als charakte- ristisch angeführte Weinlaube vor der Hütte kennzeichnet auch jetzt noch vielfach den Zugang zur barraca#®.

Über den Bau der Hütte erfahren wir aus den Berichten der Reisenden verhältnismäßig wenig, Nach Ziegler sind die „Wände von Lehm gebaut und weiß angestrichen“, und ähnlich schreibt Hackländer (I, 281): „Die Wände sind ..... von ge- stampftem Lehm, haben aber durch einen weißen Anwurf, der beständig erneuert wird, ein frisches, ‚freundliches Aussehen.“ Häufiges Weißen von innen und außen verstehen sich auch heute noch für die Behausungen der Huerta. Die Lehmwände der barraca sind genauer genommen aus an der Luft getrockneten Lehmziegeln hergestellt, was aus den Reiseberichten nicht deut- lich hervorgeht. Das Dach besteht nach Hackländer (I, 281) aus leichten Rohrstäben, und ebenso schreibt Helmrich (94), daß die „chozas“ mit Rohr gedeckt sind. Demgegenüber spricht Ziegler (I, 150) von der „mit einem leichten Strohdach ver- sehenen Hütte“, und auch Willkomm (I, 72) berichtet aus der Huerta von den Hütten der Arbeiter, „deren hohe spitze Stroh- dächer gewöhnlich mit einem rohen hölzernen Kreuz geziert sind“.

Inwieweit diese Angaben unserer Reisenden zutreffend sind oder auf ungenauer Beobachtung beruhen, läßt sich schwer ent- scheiden, da ihren Schilderungen keine genaue Ortsangabe zu- grunde liegt. Dünne Rohrstäbe bilden heute in der Huerta immer die Unterlage, auf der das Deckmaterial befestigt wird. Dieses wechselt je nach der Gegend, besteht jedoch zumeist aus broza, einem Strauchgras, das hauptsächlich im Röhricht der Albufera wächst". Eigentliches Weizenstroh wird dagegen nach Thede selten verwandt.

47 Thede, VER VI, 286,

48 Torres Balbäs, FoCoEsp III, 226.

4 Torres Balbäs, FoCoEsp III, 224.

50 Vgl. hierzu Thede, VKR VI, 235 und Torres Balbäs 224 2.

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Das Holzkreuz als Giebelschmuck erwähnt Willkomm al ziger. Nach Thede?! tragen Vorder- und-Hintergiebel der Barra ganz allgemein solche Kreuze. Daß sie aber ebenso häufig fe Mt können, zeigen die dort wiedergegebenen Abbildungen??.

Über die Inneneinteilung der Barraca berichtet Hack länder (I, 281/282) in Übereinstimmung mit der oben angeführ tern Schilderung Zieglers:

„Wie überall in Spanien nimmt die Küche den größte Theil des Raumes für sich in Anspruch, doch ist diese gleicher Zeit Wohnstube für Alle und Schlafstube für Männer. Fenster gibt es hier nicht und das Licht dringt durd die offene Thüre herein; das Herdfeuer brennt auf einer Stein platte am Boden und ebenso einfach sind auch alle übriger Einrichtungen... In der anstoßenden kleinen Kamme finden sich Kisten und Truhen, worin das Eigenthum de Familie verwahrt wird, sowie ein Paar Betten für Frau Töchter ... .*

Der hier beschriebene Herd zu ebener Erde ist der ursprünglich in ganz Spanien übliche, Im Gebiet der barraca findet sich heute dafür fast immer ein Kamin an dem freien Teil der Vorderwand neben der Tür, Die Aufteilung des Innenraums, wie sie unsere Reisenden anführen, ist typisch für die Barraca der Huerta, wobei die Zahl der Kammern (cuartos) eins, zwei oder drei betragen kann’%, j

Den Hausrat in der „Wohnküche“ der barraca valenciana schildert Hackländer (I, 282) eingehender: h

„Auf einem Paar Brettern, die an der Wand angebracht sind, befindet sich das meistens aus rothem oder gelbem Thon bestehende Küchengeschirr; die Formen desselben sind über. aus zierlich und weisen noch auf die Zeit der Araber, zuweilen sogar auf die der Römer zurück. In einer Ecke befindet sich ein für das heiße spanische Klima unentbehrliches Geräthe, ein Wasserkrug von meistens 4 Fuß Höhe, der außerdem noch

51 VKR VI, 236,

82 Vgl. Tafel III und V.

53 Thede, VKR VI, 240.

54 Vgl. Thede, VKR VI, Grundriß Abb.1, II sowie S. 244,

ne

2 Fuß tief im Boden steckt und mit einem hölzernen Gerüst umgeben ist, auf dem sich eine Menge Trinkgeschirr in den verschiedensten Größen befindet, die den alten Wasserkrug umgeben, wie Kinder und Enkel das Haupt der Familie. Ein gewöhnlicher Tisch mit ein Paar kleinen Schemeln machen den übrigen Hausrath aus.“

Interessant ist besonders die Erwähnung des riesigen Wasser- ‚kruges. Dieses bis zu anderthalb Meter hohe, tönerne Wassergefäß, _ das der kastilischen „tinaja“ entspricht, findet sich auch heute noch überall dort in der Albufera von Valencia, wo keine Brunnen mit Trinkwasser in der Nähe vorhanden sind®®.

e) Das Bauernhaus der Alpujarras.

Über das Bauernhaus in der Alpujarra, dem Südabhang der Sierra Nevada, berichten uns zwei deutsche Reisende, die beim Dürchstreifen der Halbinsel dieses sonst von Fremden wenig be- tretene Gebiet kennengelernt haben.

So kommt Willkomm auf seinen botanischen Wanderun- gen in das Tal des Rio Trev&lez und nach Trevelez selbst, während Piüer Jahrzehnte vor ihm das nicht weit davon entfernt in einem Seitental liegende Pörtugos besucht hat. Die einfachste Form des Hauses der Alpujarras hat Willkomm in Trevelez an- getroffen. Er schildert den Ort und die Häuser folgendermaßen (Willkomm I, 110/111):

„Die Gassen von Trevelez sind... .. sehr eng und krumm, so daß man sie von oben gesehen fast gar nicht bemerkt. Da aber die Häuser sämmtlich blos aus einem Erdgeschoß be- stehen, ganz platte Dächer besitzen, auf deren jedem sich eine unförmlich runde konische Feueresse sowie häufig ein halb- kugelförmiger Backofen erhebt, und sich eben nicht durch große Weisse auszeichnen, so sieht das Dorf in Vogelperspec-

5 Thede, VKR VI, 265; über die weitere Verbreitung vgl. zuletzt Krüger, HPyr A II, 215—217.

56 Nach P. Voigt, Die Sierra Nevada, Hamburg 1937, S.4, ist begrifflich zu unterscheiden zwischen La Alpujarra als dem gesamten Südabhang der Sierra Nevada und Las Alpujarras als den auf diesem Südabhang liegen- den Ortschaften,

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tive wie ein Conglomerat von großen Maulwurfshaufen aus Auch steigen die Gassen so steil an, daß sehr oft das Dach des einen Hauses mit der Türschwelle des nächsten in gleichem Niveau liegt. Deshalb spazierten die Schweine, deren es ih Trevelez eine große Menge giebt, ... ganz ungenirt auf den Dächern zwischen den zahlreichen Kindern umher, die sich hier in paradiesischem Naturzustande sonnten und im Verein mit den genannten liebenswürdigen Thieren in den hier a geschichteten Haufen von Maiskolben herumwühlten, um ihren Appetit zu stillen... Was übrigens die eben geschilderte

Bauart der Häuser anlangt, so findet man sie fast in allen Dörfern der obern Alpujarrasthäler .. .*

Das terrassenartige Ansteigen des Dorfes, das Willkomm an- schaulich darstellt, macht sich in Trevelez bei einem Höhenunter- schied von mehr als hundert Meter besonders stark bemerkbar, ist jedoch typisch für eine große Anzahl Dörfer der oberen Alpujarra, wie Pampaneira, Capileira u.a. „Von fern machen die Ortschafte n den Eindruck einer unregelmäßigen Freitreppe, deren Stufen die Dächer bilden??,*

Das genannte einstöckige Haus, auf dessen Inneneinteilung Willkomm nicht eingeht, entspricht dem einfachsten Wohnbedürf- nis. Es ist noch heute in Trevelez und anderen Orten der Alpujarra Alta vorherrschend®®, Das vollkommen platte Dach (tejado-azoten), dessen Fläche der Grundfläche des Hauses gleichkommt, ist be- sonders für die obere Alpujarra ein kennzeichnendes Merkmal des Hauses, ebenso wie die von Willkomm angeführten „unförmlich runden konischen Feueressen“. Nach Voigt? findet sich die runde Form mit aufgelegter Schieferplatte und zwei bis vier Rauch- öffnungen noch heute am häufigsten von allen Schornsteinformen. Auffallend ist Willkomms Bemerkung, daß sich auf dem Dach häufig auch der halbkugelförmige Backofen erhebt. Heute begegnet man dem Backraum mit Backofen nur vereinzelt auf der Dach- terrasse bei dem in der Alpujarra Alta sehr seltenen zweifach

57 Voigt, a.8.0.7.

58 Voigt, a.a.0.10 (Typus N. 5 Voigt, a.a.O.18.

00 A,a. 0.22,

en

aufgestockten Haus®!, Möglicherweise gehörten die von Willkomm auf den Dächern beobachteten Backöfen jeweils zu” dem benach- barten höher gelegenen Hause, denn auch heute wölbt sich beim einstöckigen Haus der Backofen aus Mangel an Raum in der Wohnküche häufig aus dem Mauerwerk heraus®®?,

Plüer, von dem wir die andere Darstellung über die Häuser der Alpujarras besitzen, geht im Gegensatz zu Willkomm auch auf die Inneneinteilung ein. Er schreibt (351):

„Die Häuser zu Pörtugos und in allen Dörfern der Alpu- jarra sind von Steinen und Erde aufgeführet, welche sich mit selbigen wie Leim verbindet und härtet: sie haben zwey Stock- werke und ein plattes Dach, welches mit Steinen, die sich wie Schiefer von einander absondern lassen, gedeckt ist, und über selbige ist die steinigte fette Erde geschlagen, auf welcher das Regenwasser abläuft. n

Wenn man die Treppe hinauf ins andre Stockwerk steigt, so tritt man in die Küche, welche sich durch einen niedrigen Heerd und Schornstein zu erkennen giebt; denn Küchengeräth sieht man nicht viel. Diese Küche, wiewohl sie nach der Treppe zu ganz offen ist, und einer Hausdiele gleicht, dienet doch im Winter statt der Stube. Die Familie lagert sich um den Heerd herum. Nach verschiedener Größe der Häuser sind entweder zu beyden Seiten der Küche Zimmer, oder nur an einer Seite. In diesen Zimmern und der Küche hält man die Seidenwürmer. Die Zimmer an der Erde dienen zu Magazinen und Kellern, worin sie die wenigen Lebensmittel aufbehalten, und zugleich zu Sommerwohnungen. Sehr wenige Häuser sind getüncht, weil man Gyps und Kalk nicht in der Nähe hat... .“

Das vom Verfasser genannte Baumaterial entspricht dem auch heute noch verwendeten Mauerwerk, das aus rohen Schiefersteinen mit Lehm, Kalk oder Sand als Bindemittel besteht®®. Wenn er für seine Zeit anführt, daß nur die wenigsten Häuser getüncht sind, und auch Willkomm noch aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts berichtet, daß die Häuser von Trevelez „sich eben nicht durch

91 Voigt, a.a. O.13. @2 Voigt, a.a.O.10. 69 Voigt, a.a.O.14.

4

re

große Weisse auszeichnen“, so ist hierin inzwischen ein Wand eingetreten. Während auch die ärmlichsten, unverputzten Häuse, meist mit weißer Kalkerde bespritzt sind, tragen alle übrigen über dem Putz (revoco) aus Kalk oder Gips blendend weiße Tünche, die zu erneuern fast immer Sache der Frauen ist,

Das von Plüer für Pörtugos bezeugte zweigeschossige Haus entspricht dem „einfach aufgestockten Haus ohne Haustreppe“, das sich heute neben dem einstöckigen besonders häufig in de: Dörfern der oberen Alpujarra findet®, Bei diesem führt eine Folge der steilen Gassen, an denen die Häuser liegen, oft eine Freitreppe von drei bis vier Stufen (escalera de acceso) in das obere Stockwerk, da das Untergeschoß dann unter dem Niveau der Gasse liegt®®. Daß es sich in Plüers Darstellung um eine solche außen am Haus angebrachte Treppe handelt, geht daraus hervor, daß er die nach der Treppe zu offene Küche mit einer Hausdiele vergleicht. Auch die vom Verfasser erwähnte Verwendung des Erdgeschosses zu Vorrats- und Lagerräumen entspricht heutigen Verhältnissen, wo die Räume des unteren Stockwerkes ganz dazu dienen, die landwirtschaftlichen Geräte und Erzeugnisse unter- zubringen®”.

2. Das spanische Stadthaus. a) Das andalusische Haus. Sevilla.

So wenig die deutschen Reisenden ihre Enttäuschung ver- hehlen über die verhältnismäßig reizlose Lage Sevillas inmitten der weiten Flußniederung des Guadalquivir, so sehr entzücken sie immer wieder die Bürgerhäuser dieser Stadt, die in ihrem Stil nach maurischem Vorbild hinter einem unscheinbaren Äußeren in ihrem Innern wahren Schmuckkästchen gleichen.

„Die Häuser von Sevilla“, schreibt Rochau (I, 230/231), „haben durchweg einen blendend weißen Kalkanstrich ...

04 Voigt, a.a.0.14, 331.

#5 Voigt, a.a.0.11 (Typus Ila). 68 Voigt, a.a. 0.25.

97 Voigt, a.a.O.11 (Typus Ila).

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Am Eingange jedes Hauses findet sich eine kleine Flur, die durch eine Gitterthür mit dem Hofe in Verbindung steht, auf welchem sich die Treppen und Ausgänge des Innern des Hauses vereinigen. Dieser Hof nun, der Patio, ist der Theil der Häuser, auf dessen Bau und Pflege die meiste Kunst und Sorgfalt verwendet wird. Der Boden des Patio ist mit Stein- platten von verschiedener Farbe belegt, die oft ein sehr zier- liches Mosaikpflaster bilden. In seiner Mitte plätschert ein Springbrunnen halb versteckt in einem kleinen Walde von Rosen oder anderen Blumen und Zierpflanzen .. .. Gold- und Silberfischchen spielen in dem Becken des Brunnens. Die eine Seite des Hofes entlang läuft ein Bogengang mit Säulen von Marmor und Jaspis, der sich zuweilen auch im zweiten und dritten Stockwerke des Hauses wiederholt. Die Decke des Patio bildet entweder ein dichtes Gewebe von lebendigem Weinlaube, oder wo dieser grüne Baldachin fehlt, wird in den heißen Stunden des Tages ein Sonnendach von Leinwand über den Hof gespannt. Hinter Hof und Haus befindet sich oft noch ein kleiner Garten oder ein zweiter Patio, in welchem zwischen duftigen und farbenglänzenden Gewächsen des Südens nur schmale Gänge zum Lustwandeln übrig bleiben. Und alle diese häusliche Herrlichkeit wird nicht etwa neidisch und selbstsüchtig abgesperrt, sondern ihr Anblick gehört allen Vorübergehenden. Durch jede Hausthür hat man eine Aus- sicht auf einen kleinen Winkel dieses Paradieses; denn der erste und der zweite Patio sind entweder ganz offen oder nur durch eine Gitterthür verschlossen. Im Sommer ist der kühle, frische Patio der Mittelpunkt des ganzen häuslichen Lebens der Sevillaner. Die Bogengänge desselben werden möblirt, neben seinem Springbrunnen wird der Tisch gedeckt, im Patio wird musicirt, gearbeitet, Besuch empfangen und sogar Siesta gehalten. In 'Gasthöfen und Kaffeehäusern herrscht dieselbe Einrichtung ... .“

Halten wir zum Vergleich noch die Schilderung von will- komm daneben, die sich in vielem mit der Rochaus deckt, mit dem Unterschied, daß Willkomm in der Vorhalle und dem patio Einflüsse aus römischer Zeit erkennen will. So gewiß aber der

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patio als maurisch-arabischen Ursprungs anzusehen ist, SO sehr steht die von verschiedenen Reisenden übereinstimmend beze

Tatsache in Widerspruch zu arabischer Sitte, den Vorübergehend n durch das geöffnete Gittertor Einblick in das Leben und Treiber im patio zu gewähren und selbst Verbindung zur Gasse zu haben,

Willkomm (II, 210—212) äußert sich wie folgt:

„Mir scheinen die Häuser von Sevilla... Verwandtschaft mit den Wohnungen der alten Römer zu haben... Alle Häuser von Sevilla fast ohne Ausnahme, besitzen eine kleine viereckige Vorhalle, die durch ein von frühem Morgen bis spät in die Nacht weit geöffnetes Thor mit der Gasse com. munieirt und dem Vestibulum der altrömischen Wohnungen entspricht. Diese Hausflur steht durch ein großes eisernes Gitterthor, das bei den Häusern wohlhabender Bürger bis- weilen auf das Zierlichste gearbeitet, bronzirt und reich ver- ziert ist, mit einem geräumigem, im Centrum .des Hauses befindlichem Hofe von viereckiger Gestalt in Verbindung, der fast immer mit Marmor getäfelt ist, in der Mitte eine Fon- taine enthält und meist von einem auf Marmorsäulen ruhen- den Porticus umschlossen ist. Dieser Raum, welcher immer sehr reinlich und sauber gehalten und häufig mit Orangen- bäumen bepflanzt oder wenigstens mit Blumentöpfen ge- schmückt zu sein pflegt, entspricht genau dem Atrium der Römer und dient während der schönen Jahreszeit als Emp- fangs-, Gesellschafts- und Familiensaal, so daß man von der Gasse aus bequem sehen kann, was in jedem Hause vorgeht. Rings um diesen Hof liegen die Parterrewohnungen, die meist keine Fenster, sondern Glasthüren besitzen, welche sich nach dem Hofe zu öffnen. Hier bringt die Familie den Sommer zu, während dem es der enormen Hitze halber ganz unmöglich ist, im obern, den Sonnenstrahlen ausgesetzten Theile des. Hauses zu leben; den Winter dagegen ziehen sich die Be- wohner in die obern Gemächer zurück, die zahlreiche Balcons nach der Gasse zu haben... Des Tages spannt man eine hänfene oder wohl auch aus Esparto geflochtene Decke über den Hof, damit die Sonnenstrahlen nicht hineinfallen können, und erhält auf diese Weise selbst zur heißesten Jahreszeit

immer eine angenehme Kühle im Hause. Die meisten Privat- gebäude sind übrigens blos zwei Stockwerke hoch und werden, wenigstens in der innern Stadt, gewöhnlich blos von einer Familie bewohnt, indem es zum guten Ton gehört, ein ganzes Haus zu seiner Verfügung zu haben.“

Über die Gewohnheit, im Sommer die Räume des unteren, im Winter die des oberen Stockwerks zu bewohnen, berichtet außer willkomm auch Waltl (167), der von den Andalusiern sagt:

„In der heissen Jahreszeit, meist vom Ende Mai bis Mitte Oktober, beziehen diejenigen, welche ein eigenes Haus haben, den untern Stock, im Winter die obern Gemächer.“

Waltl schildert ebenda auch die Art, die Sonnenglut vom patio fernzuhalten:

„Die Sitte, den Hofraum durch Matten oder Decken vor den Sonnenstrahlen zu beschützen, ist seit der Zeit der Römer . noch vorhanden; mittels Rollen und Stricke überzieht man oben den ganzen Hof mit einer breiten Decke aus grober Leinwand, wodurch die Hitze ziemlich abgehalten wird.“

Der von unseren Reisenden angeführte Schmuck der patios durch gemauerte Bassins, plätschernde Brunnen, Blumenkübel, Reben- lauben und blühende Bäume aller Art, zusammen mit den Be- sonderheiten der Architektur, den Säulen, Bogengängen, Galerien und Mosaikpflastern machen auch heute noch den Zauber der sevillanischen Häuser aus®®,.

Verweisen wir zum Schluß noch darauf, daß gerade in Sevilla, trotz der südlichen Lage, das Flachdach terrado hinter dem ge- neigten Dach cubierto de una o dos vertientes ganz zurück- tritt®, eine Tatsache, dieschon Rochau (I, 238) aufgefallen ist:

„Platte Dächer kommen in Sevilla ebenso wie in Valencia nur als Ausnahme vor, während sie in andern -und nördlich gelegenen spanischen Städten, zum Beispiel in Barcelona, die Regel bilden.“

68 Vgl. Abb, bei Torres Balbäs, FoCoEsp III, 463. ® Vgl. hierzu Torres Balbäs, FoCoEsp III, 465.

Nies

Cädiz.

Ebenso wie Sevilla hat auch das wie auf “einer Insel im Meer liegende Cädiz nicht nur durch die Schönheit seiner Lage, sondern auch durch die Besonderheit des Baustils seiner Häuser die Auf- merksamkeit der deutschen Spanienreisenden erregt. Am aus- führlichsten berichtet Willkomm (II, 240) darüber:

„Die Häuser, alle massiv, zum Theil bombenfest gebaut, sind meist drei bis vier Stock hoch und mit ebenso viel Reihen Balcons geziert, deren Geländer an manchen Häusern aus weissem Marmor bestehen, und haben sämmtlich ganz platte, von Ballustraden umgebene Dächer, die größtentheils mit Blumentöpfen geziert und mit einem „Mirador“, einem kleinen Umschauthürmchen, versehen sind, bestimmt, die See und die herannahenden Schiffe beobachten zu können, was der Stadt ein ganz eigenthümliches Ansehen giebt. Die Treppen der meisten größeren Häuser bestehen aus weissem polirtem Marmor und auch die Zimmer sind häufig mit ver- schiedenfarbigem Marmor getäfelt. Dabei herrscht die größte Reinlichkeit sowohl in den Gebäuden als in den Gassen und alle Häuser sehen so blank und sauber und mit ihren grün bemalten blumengeschmückten Balcons so freundlich und gefällig aus, als wäreh sie von Zuckerwerk.“

Ergänzend hierzu schreibt Plüer (447) aus Cädiz:

„Alle ihre Häuser sind von Werksteinen, die meisten un- gemein hoch, wohl eingerichtet, mit einem hohen Thurm, und sie haben ohne Ausnahme platte Dächer. Der innere Hof ist mit Marmor gepflastert; die Treppen sind auch von Marmor. Jedes Haus hat seinen Wasserbehälter unter dem Hofe, worinn das Regenwasser zusammenläuft und auf- gefangen ‚wird. Das gute Trinkwasser kommt von Puerto de Santa Maria.“

Die auch von anderen, z. B. Hackländer, für Cädiz bezeugten platten Dächer, terrados, die auf ganz bestimmte Gebiete der Halbinsel beschränkt sind, finden sich auch heute nur in einem schmalen Küstenstreifen im Süden und Südosten der Pyrenäen-

Se

halbinsel”, Auch das von vielen Reisenden erwähnte Aussichts- türmchen, el mirador, ist für die Häuser von Cädiz charakteristisch, findet sich in ähnlicher Form auch sonst im Gebiet der Südküste”!; wie Willkomm (Balearen 40) angibt, vereinzelt auch in Mahön auf Menorca, wo die Häuser allerdings flachgeneigte Hohlziegel- dächer tragen. Nach Hackländer (II, 415) sind die Aussichts- türmchen auf den Häusern von Cädiz mit einem Kuppeldach versehen, während Brandes (24) sie als „viereckige weisse Thürmchen mit kleiner rundlicher Spitze“ bezeichnet. Im übrigen heben alle Reisenden, die Cädiz besucht haben, die Reinlichkeit und die auf Wohlhabenheit hindeutende häufige Verwendung von Marmor hervor. Führen wir zum Schluß noch Wolzogen (184/185) an, der beim Vergleich zwischen Cädiz und Sevilla feststellt: j „Sind gleich die patios in Cadiz nicht mit duftenden Orangenbäumen geschmückt; dienen sie gleich, die Handels- stadt und den Mammon verkündigend, hier häufig als blosse Warenlager, wo Ballen über Ballen sich häufen, so sieht man dafür alle Treppen und Zimmerfußböden mit schönen, grau und weissen Marmorplatten belegt, während man in Sevilla meist nur auf schlechte, holperichte Backsteine tritt. Und nun die zierlichen, blumengeschmückten Fensterbalkons, die dort so ganz und gar fehlen... .“

b) Das murcianische Haus.

Über das Haus in Murcia besitzen wir nur eine Schilderung von Roßmäßler. Diese ist aber so interessant und eingehend, daß wir sie beidem Mangel an Darstellungen über das murcianische Stadthaus nicht übergehen wollen. Roßmäßler (I, 135—137, 139) schreibt:

„Von der Straße tritt man durch eine offen stehende Haus- thür in einen sehr kleinen Vorraum, den ich in allen ehemals maurischen Städten fast immer mit einem zuweilen recht hübschen Mosaikpflaster aus kleinen schwarzen und hellen Bach- oder Rollsteinen belegt fand, meist einen Kranz, zu-

76 "Torres Balbäs, FoCoEsp HI, 465; Giese, NO-Cädiz 31, 71 Siehe zur Verbreitung Giese, NO-Cädiz $1.

Bet

weilen auch das Wort salve dem Kommenden entgegenhaltend, Die nun folgende eigentliche Hausthür ist immer verschlossen und dem Oeffnen pflegt meist ein „quien?“ des portero voraus- zugehen. Hinter dieser Thür lag im Hause meines Freundes?2, hinter dessen weissgetünchter Aussenseite kein Deutscher etwas gesucht haben würde, zunächst ein größerer bedeckter Vorraum, an den erst der sehr kleine offene Hof sich anschloss, Von jenem führte rechts eine stolze Alabastertfeppe empor, mit theilweise vergoldetem Eisengeländer, auf dessen Anfang neben der ersten Stufe immer ein Gefäß mit frischen Blumen stand. Bekannte des Hauses gingen aber an ihr vorüber bis zu der Alltagstreppe, wie ich sie nennen möchte, welche, wie mit wenigen Ausnahmen es Regel in Spanien ist, so schmal war, daß gerade zwei Personen einander ausweichen konnten. Die Stufen dieser Treppen sind immer mit Backsteinen belegt und vorn mit einer eichnen Kante eingefaßt.

Ehe wir hinaufsteigen haben wir zu ebener Erde noch eine für viele Südspanier, namentlich für alle Murcianer, äusserst wichtige Einrichtung anzusehen. Durch einen Raum, in welchem einige Ackergeräthe aufbewahrt wurden, treten wir in ein Gemach, in welchem vier ungeheure irdene Töpfe, jeder wenigstens eine Ohm fassend, stehen, jeder mit einem reinen Leintuch zugedeckt. Sie enthalten Segurawasser, welches man darin sich absetzen und klären läßt; denn Murcia hat keinen Tropfen anderen Trinkwassers. Solch’ ein Topf heisst tinaja ...

Das erste Stockwerk bestand strenger geschieden als gewöhnlich in Deutschland aus Prunkgemächern und den schlichten Wohnzimmern. Letztere lagen um den kleinen Hof herum und hatten daher kaum nothdürftiges Licht. Die Prunkgemächer verdienten diesen Namen; und doch unterschieden sie sich sofort, was ich in Südspanien als Regel gefunden habe, von deutschen durch die blos blendenweissen Gypswände ohne alle und jede Malerei oder Stukkatur.

2 d.i. eines Professors der Natyrgeschichte an dem Instituto de Segunda Instruceiön.

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Tapeten würden in dem heissen Clima viel zu sehr ein Ver- steck der Wanzen abgeben... E L

Das Clima erklärt es vollkommen, daß man in keinem Gemache breterne Dielen, die ich selbst in Barcelona nicht gesehen habe, sondern nur Steingetäfel sieht. Namentlich in Valencia giebt es viele und große Fabriken von gemalten glasierten Fliessen, ... azulejos genannt, mit denen die Zimmer der Reichen belegt sind... Sie geben einem Zimmer ein äusserst nettes und reinliches Ansehen und kühlen an- genehm. Im Winter, wo sie letzteres nicht sollen, werden grosse Espartomatten, estera, darüber gedeckt... Selten hat ein Zimmer mehr als ein, aber auch desto größeres Fenster mit dem nothwendigen Altan. An ihnen ist die Vertheidigung gegen die Hitze der Sonnenstrahlen förmlich in ein System gebracht. Dadurch kann man vollkommene Finsterniss in dem Zimmer herstellen, oder Licht ohne oder mit Luftzug. Statt der leichteren Leinengardinen außen an den Fenstern finden sich im Süden fast allgemein dicke schwere Espartomatten angebracht, welche aufgerolit oben am Fenster ein ungeheuer- liches walzenförmiges Packet bilden.

.im zweiten Stock eine bedeutende Verringerung. der Grundfläche, indem die Scheidewände des ersten Stockes nun als Umfassungsmauern des folgenden hervortreten und ein Dach die nicht höher fortgeführten äussern Gemächer jenes bedeckt. In gleicher Weise verjüngte sich in zwei weiteren Stockwerken das Haus abermals, so daß das letzte nur eine kleine thurmartige Plattform, eine torreta, war. Von dieser unregelmässigen Übereinanderstellung ungleicher Stockwerke sind fast die meisten südspanischen Häuser. Man befolgt eben nur die Eingebungen des Bedürfnisses ... Blickt man von einer Torreta über die umliegenden Häuser, so weiß man sich, selbst wenn man sie von unten genau kennt, in dem Gewirr von unterbrochenen Stockwerken, flachen und geneigten Dächern, Thürmchen und Giebeln, schwer zurecht zu finden.“

Auffallend ist die von Roßmäßler angeführte Verjüngung. der Häuser in den oberen Stockwerken, von der er als einziger be- richtet. Diese Bauweise kennzeichnet auch das ganz in der Nähe

m 0

100

mirador. Bemerken wir noch, daß der Verfasser für Murcia „flache und geneigte Dächer“ nebeneinander erwähnt, während beispielsweise in Cädiz ausschließlich Flachdächer zu finden sind

Hinsichtlich des Hausrats verdient wiedergegeben zu werden, was Roßmäßler (I, 138) über das Bett des murcianischen Hause

zu sagen weiß:

„Dies Bett ist nichts weiter als ein mannslanger Sägebock, der, wenn er aufgestellt ist, etwa 8—10 starke Gurtbänder ausspannt, auf welche die erforderlichen Matratzen oder Federkissen gelegt werden. Es. ist der Erfindungsgabe des Schlafkünstlers viel Spielraum gelassen, sich ein solches Bett- gestell so recht nach seinem Gusto einzurichten”? ... .“

3. Posada und venta.

Als ein besonderer Typ des spanischen Hausbaues, der weder zu dem Stadthaus noch zu den Bauernhäusern der verschiedenen Landschaften gestellt werden kann, darf zweifellos die posada vergangener Zeiten gelten, der, außerhalb der Orte einsam an der Landstraße gelegen, die venta entspricht. Die Eigenart ihrer Anlage und Einrichtung ergibt sich aus dem Zweck, dem sie zu dienen hatte: sie war in erster Linie Übernachtungsstätte für die das Land durchziehenden Maultiertreiber und ihre Tiere. Zu der Zeit, wo sich der Warenaustausch von Provinz zu Provinz fast ausschließlich auf dem Rücken von Maultieren vollzog, waren die posadas und ventas, besonders in dünn besiedelten Gebieten wie der Mancha, ähnlich den Karawansereien des Orients unentbehr- lich. Und gleich niedrig waren auch die Ansprüche, die die an ein rauhes Leben gewöhnten Gäste in bezug auf Unterkunft und Verpflegung stellten. Der Sattel oder ein Gepäckstück, in eine

73 Vgl. Abb. bei Torres Balbäs, FoCoEsp III, Tafel S. 478. 74 Vgl. über die Verbreitung dieser einfachen Bettform Krüger,

HPyr A II.

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Ecke der Halle oder in die Nähe des Herdfeuers gelegt, dienten als Nachtlager und die Frage der Beköstigung löste jeder selbst?>.

Das allmähliche Entstehen eines Eisenbahnnetzes auf der Halbinsel bereitet auch der altüberlieferten Form der Lasten- beförderung ein Ende und nimmt damit auch der Venta und Posada ihre alte Bedeutung. Die deutschen Reisenden aber haben im vorigen Jahrhundert noch vielfach diese eigenartigen Herbergen kennengelernt. Wer von ihnen zu Pferd oder Maultier das Land durchreiste, war für das Nachtlager fast ausschließlich auf sie angewiesen; denn da dem Spanier das Reisen etwas Ungewöhn- liches war, zu dem er sich nur im Notfall entschloß, fehlte in kleinen Orten und auf dem Lande jede andere Art von Unter- kunft, so daß der ausländische Reisende nur zu oft mit dem vor- liebnehmen mußte, was er in venta und posada inmitten von Maultiertreibern vorfand.

Die verbreitetste Form dieser Herbergen ist wohl die, welche Willkomm aus Chiva (Valencia) und Hackländer aus Yevenes und Valdepeäas (Neukastilien) beschreiben. So berichtet Willkomm (1, 124/125):

„Mein Fuhrmann brachte mich in die erste Posada des Ortes, ein verräuchertes, massives Gebäude mit einem hoch- gewölbten Thorwege, durch den sich die spanischen Posaden und Ventas vor allen übrigen Gebäuden auszeichnen. An dem mittelsten Balcon des Hauses hing ein geweihter, zierlich geflochtener Palmzweig’® und ein halb verdorrter Pinienast über dem Thore bedeutete, daß hier auch Wein verkauft werde’””. Der untere Raum des Gebäudes war gewölbt und durch zwei Reihen Pfeiler in drei Abtheilungen geschieden. Die mittlere Abtheilung war gepflastert und stand durch ein

75 Über alle diese Dinge unterrichtet uns schon Cervantes. Vgl. A.Schulten, Spanien im Don Quijote des Cervantes in der Zeitschrift „Spanien“ I, Hamburg 1919, S. 99/100.

76 Der geweihte geflochtene Palmzweig als Schutz gegen Feuer wird auch von anderen Reisenden erwähnt; vgl. Abschnitt: Religiöse Bräuche und kirchliche Feste.

{ 77 Während hier ein Pinienast genannt ist, führt Jariges (123) aus Betanzos (Galizien) an, daß dort ein Lorbeerzweig über der Tür als Zeichen des Weinverkaufs gilt.

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Hinterthor mit dem Hofraum in Verbindung, und hier befand sich zugleich der sogenannte „Cargadero“ oder Ort, wo di Lastthiere abgeladen und bepackt werden. Der linke Seiten. raum diente als Stallung und enthielt deshalb eine Menge vo, Krippen längs der Wände, während die rechte Abtheilung, auch blos durch einen großen Gewölbbogen von der eigent- lichen Hausflur getrennt, mit Ziegeln belegt war und als Küche diente. Von hier aus führte eine Steintreppe in das obere Stock des Hauses. Auf diese Weise sind ungefähr alle spanischen Wirthshäuser eingerichtet.“

Dieselbe charakteristische Gebäudeeinteilung, drei durch zwei Reihen steinerner Pfeiler voneinander getrennte Räume, von denen der linke als Stallraum, der mittlere als Packraum und der rechte als Küche dient, findet sich nach Hackländer auch bei den Wirtshäusern Neukastiliens.. So schildert dieser Reisende eine venta bei Valdepefias wie folgt, wobei er noch besonders auf die Küche und ihre Einrichtung eingeht (Hackländer II, 210—212):

„Ein mächtiges Thor verschliesst den Eingang, das erst nach tüchtigem Anklopfen geöffnet wird... Hinter diesem Thore beginnt ein grosser Raum, eine einzige gewaltige Halle, deren Decke vom Dache mit seinem Sparrenwerk gebildet und von zwei bis drei Reihen starker steinerner Pfeiler getragen wird. In diesem Raum herrscht Tag und Nacht ein beständiges Halbdunkel, welches ebensowenig das große Herdfeuer oder einige Oellampen zu vertreiben vermögen, als das Tageslicht, das nur durch ein paar unbedeutende Lucken oder sonstige kleine Oeffnungen einzudringen vermag... Vermag man den ganzen Raum zu übersehen, so bemerkt man wohl, daß hier über hundert Maulthiere mit ihren Führern, Karren und Ballen Platz haben. Links vom Thor stehen die beladenen Fuhrmannskarren, so eng als möglich zusammengeschoben, und dahinter an den Wänden sind die Maulthiere angebunden, die zuweilen stampfen, schnauben und sich schütteln, wobei man ihre Halfterketten rasseln hört. Rings um die Pfeiler, welche das Dach tragen, sieht man Ballen und Fässer, Kisten und Kasten, und es dienen diese wieder zum Lager einiger schläfrigen Arrieros, welche schon ausgestreckt dort liegen.“

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Soweit seine Darstellung der äußeren Bauform der Venta. An- schließend entwirft er ein Bild von der Küche ‘mit ihrem für die altertümlichen Küchen Spaniens typischen offenen Herdfeuer ohne Kamin und dem Hausrat, der sich ähnlich auch in anderen Gegenden des Landes wiederfindet:

„Doch lassen wir alle die ebengenannten Gegenstände in ihrem Halbdunkel und wenden uns rechts vom Eingange, wo am andern Ende der Halle auf dem gepflasterten Boden ein gastliches Feuer hoch emporlodert. Um die künstliche Ab- leitung des Rauches bekümmern sich die spanischen Bauleute nicht, er sucht seinen Weg theils durch die Dachlucken, theils zieht er hoch oben als leichtes Gewölk durch die ganze Halle. Neben dem Herde befindet sich gewöhnlich eine Art von Ver- schlag, wo der Ventero oder die Padrona das Bischen Küchen- geschirr, auch Flaschen und Gläser aufgestellt haben, welche sie zu ihrer Wirthschaft brauchen, daran schließt sich öfters ein starkes hölzernes Gestell, mit mehreren oft mannshohen und verhältnismäßig breiten Krügen von rothem Thon, wie in dem Landhause bei Valencia, welche den Wasserbedarf für das Vieh enthalten; darüber befinden sich auf einem Brette kleine zierliche Gefässe für den Gebrauch der Reisenden selbst. In nächster Nähe des Herdes sieht man eine Art Divan, natür- licher Weise roh von Holz gemacht, an den Wänden hinlaufen, auf welchem hie und da ein kleines Polster oder ein Stück Teppich liegt, vielleicht für einen Gast, den man besonders ehren will. Oben zwischen dem Sparrenwerk des Daches kleben einige Kammern, die von hier aus wie Schwalbennester aussehen.“

Über den Herd und seinen einfachen Bau fügt Hackländer (II, 172) noch ergänzend hinzu, als er von der posada in Yevenes in der Mancha spricht:

„Der Ausdruck „Herdfeuer“ ist eigentlich eine unrichtige Bezeichnung, indem sich in diesen Posaden nirgends ein Herd befindet, vielmehr brennt das Feuer auf dem gepflasterten Boden, öfter aber auf einem abgenützten Mühlsteine, der in die Erde eingestampft ist.“

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Die großen Wassergefäße aus rotem Ton, die sich überall dai Spanien finden, wo kein Brunnen mit Trinkwasser in der Nähe is sind die auch von anderen Reisenden erwähnten tinajas, die bis 1,50m hoch sein können”®. Die ruhebankähnliche Sitzgelegenhei in der Nähe des Feuers führt auch Humboldt (Spanienreise 220) aus Santa Cruz in der Mancha an, wo in der Küche eines Wirts- hauses rings um das Feuer „ein Vorsprung der Mauer zum Sitz“ dient, „und dieser Sitz ist mit einer Estera bedeckt.“ Während der Reisende gewöhnlich durch den gewölbten Tor- weg in die Herberge gelangt, kann die venta oder posada auch vom Hofraum her betreten werden, da das Gebäude durch ein rück- wärtiges Tor mit diesem verbunden ist wie Willkomm (I, 124) in der oben wiedergegebenen Darstellung aus Chiva erwähnt. So sind die Angaben Hackländers (II, 171) aus Yevenes in der. Mancha zu verstehen, dessen Beschreibung der posada sich im übrigen ganz mit den bereits angeführten Beispielen deckt:

„Wir ritten in einen von Mauern umschlossenen Hof und kamen dann in die von andern spanischen Posaden her uns schon bekannte große Halle, wo die Familie des Wirths mit den eingekehrten Fremden und deren Thieren in angenehmner Gemeinschaft lebt. Man kann einen solchen Platz mit einer großen Scheuer vergleichen oder mit einem Schuppen, der durch Pfeiler, welche das Dachgebälke tragen, in verschiedene Abtheilungen getheilt wird. In einer derselben befindet sich die Küche, gegenüber stehen Maulthiere und Pferde, und der Mittelraum wird zu Handel und Wandel und später zu Schlafstellen für die Fremden benützt.“

Eine interessante Ergänzung zu den angeführten Berichten liefert der Verfasser der Rückerinnerungen (52/53), indem er bei der „Schilderung einer Venta in dem unbewohntern Theile Neu- kastiliens“ über das Leben in diesen Quartieren der Maultier- treiber sagt:

... da erscheint kein Wirth, kein Stallknecht und kein

Stubenmädchen: der Führer spannt die Thiere aus und bringt

sie unter; der Reisende nimmt seinen Bündel in den Arm und

78 Vgl. S. 88—88.

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sucht die Küche, denn diese ist der Sammelplatz der Gäste und der häuslichen Bewohner. In der Mitte steht ein großer Feuerherd und speit die Rauch- und Flammen-Wolke in “die achteck-pyramidenförmige Konkavität des Schornstein- schlundes; ringsum sitzen Weiber, Kinder, Katalaner, Arrago- nier und Kohlenbrenner .... Jeder kocht sich selbst in einem kleinen irdenen Topfe, oder bratet sich ein Rebhuhn, ein Kaninchen, das er mit bringt. Höchstens Wein und Brod und Speck und Eyer, liefert auf Begehren die Ventera, wenn man höflich ist, aber alles riecht nach Knoblauch. Der Fuhrmann schläft auf seinem Schaafpelz in der Küche, und die Herr- schaft eine Treppe höher in dem Saal will sagen, ein Gemach mit Ziegelböden, Mauerwänden, Gnadenbildern, Fensterlöchern ohne Glas und Rahmen und mit einigen Alkoven-Betten ... Der Aufenthalt in diesen Ventas ist so ekelhaft als melancholisch; verdriesslich, stolz und träge thun die Leute was man fordert; sie sehen jeden Fremden mit Verachtung an...

Damit sind die besonderen Verhältnisse in diesen nicht auf Reise- verkehr eingestellten Herbergen, auf die wir bereits einleitend kurz hinwiesen, genügend gekennzeichnet. Zahlreiche Äußerungen anderer Reisender bestätigen dies an Stellen, wo sie nicht weiter auf die Einrichtung der ventas und posadas eingehen. Es sind immer wieder die Klagen von Landesfremden, die, unter arrieros verschlagen, vergeblich gehofft hatten, bequemes Nachtlager und gute Verpflegung vorzufinden.

Abschließend sei noch die ebenso eigenartige wie praktische Sitte erwähnt, wie nach Roßmäßler (I, 119) die Last- und Reittiere in einer posada bei Elche (Valencia) angebunden werden:

„In der Mauer waren in regelmäßigen Abständen Widder- hörner eingemauert, als ganz zweckdienliche Mittel, die Pferde, Esel und Maulesel daran zu binden. Vor den Ställen befanden sich statt der Thüren ungeheure Vorhänge von

Esparto .. .“

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4. Höhlenwohnungen.

Höhlenwohnungen sind im ganzen Mittelmeergebiet verbreite Da neben der Bodenbeschaffenheit Mergel, Ton, Gips, tertiärer und quartärer Ablagerung sind am geeignetsten ei trockenes, sommerheißes Klima für ihre Anlage von ausschlag_ gebender Bedeutung ist, fällt ihr Vorkommen fast überall mit de Auftreten von Steppenlandschaften zusammen”. Unter den süd- europäischen Ländern ist daher Spanien besonders reich an Höhlenwohnungen. Wenn diese Form des Wohnens auch uralt ist und in früheren Zeiten sicherlich größere Verbreitung hatte, als in der Gegenwart”, so sind doch die Vorteile der unterirdischen Wohnweise Schutz gegen Staub und Hitze im Sommer und gegen Wind und Kälte im Winter so groß, daß man in den Hochlandschaften des Innern wie in den Randlandschaften des Südostens ungern davon abläßt, so daß die in Höhlenwohnungen lebenden Spanier noch heute nach Tausenden zählen.

Die deutschen Reisenden haben in den verschiedensten Gegen- den der Pyrenäenhalbinsel Höhlenwohnungen beobachtet, in Aragonien, Valencia, der Mancha und Ostgranada. So schreibt Körner (169) über die Sadt Calatayud in Aragonien:

„Der untere Theil... lagert sich an eine Art von einzeln stehenden Bergrücken hin, der sich wie eine Cyclopenmauer durch das Thal zieht. Dieser Kamm nun oder Rücken ist theilweise oberhalb der untern Stadt ausgehöhlt, d.h. man sieht von außen unregelmäßige Reihen von Löchern, von denen viele durch den ganzen Berg gehen sollen, so daß man auf der andern Seite eine entsprechende Art Löcher zu sehen bekömmt. Und in diesen Maulwurfsgängen sind menschliche Wohnungen, worin ein großer Theil der Bevölkerung haust. Wir hatten zwar in den Vorstädten von Granada mehrere solche Colonien in die Berge gegraben gesehen, der Auf- enthalt von Zigeunern, und auch, wie unser Führer sagte, von Armen der Gente Castellana, aber solche großartige und regel-

79 vgl. die Karte bei O. Jessen, Höhlenwohnungen in den Mittelmeer- ländern. Peterm. Mitt. 1930, 129.

80 Noch heute lauten viele Ortsnamen Cuevas de... vgl. Garcia Mer- eadal, La casa popular en Espafa 16,

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- mäßige Aushöhlungen, wie die an dem Bergrücken von Calatayud, waren uns noch nirgends vorgekommen. Dieses Quartier soll der älteste Theil der Stadt und schon von den Mauren bewohnt worden sein. Wenigstens heißt es noch jetzt

la Moreria“.

Daß es sich hier um eine Höhlensiedlung größten Stils handelt, geht auch aus den Angaben von Torres Balbäs®‘ hervor, wonach früher ein Fünftel der Einwohner Calatayuds in diesen unter- irdischen Behausungen lebte. Heute entvölkern sich die Höhlen immer mehr, hauptsächlich wegen der wachsenden Einsturz- gefahr®?. Interessant ist Körners Hinweis auf die Bezeichnung la Moreria. Da die Höhlenviertel als ältester Teil der Stadt gelten und diese von den Mauren gegründet wurde (Calatayud = Schloß des Ayub), besteht die Möglichkeit, daß sich die ersten Einwohner in Höhlen ansiedelten.

Genauer berichtet Wattenbach (68) über die Höhlen- wohnungen von Burjasot bei Valencia®®:

„Besonders merkwürdig aber sind am andern Ende des Dorfes die Troglodyten, eine ganze Bevölkerung, die im Felsen lebt. Die Oberfläche ist ganz flach, man sieht da die Rauch- fänge, und die größeren Luft- und Lichtlöcher der Höfe, um welche die Zimmer sich reihen. Die Wohnungen, deren Be- wohner sich darin sehr gut zu befinden schienen, sind sauber und ordentlich, vollkommen trocken. Sie heißen Sichas®, und werden wohl, wie der Name besagt, nichts anderes sein als alte Kornmagazine, Silos, welche zu ihrem ursprünglichen Zwecke nicht mehr gebraucht, und deshalb zu Wohnungen benutzt werden. Der Fels ist sehr leicht zu bearbeiten, und wenn die Familie wächst, höhlt man ein neues Zimmer aus, vorausgesetzt, daß der Nachbar nicht schon zu nahe wohnt.“

Die Höhlen sind hier also, ähnlich wie in Benimämet, in die sanft geneigten Wände der vorwiegend flach gelagerten Gesteins-

81 FoCoEsp III, 215.

s2 FoCoEsp III, 216.

83 Über die Verbreitung von Troglodytensiediungen in der Provinz Valencia vgl. FoCoEsp III, 212.

&% = sitgas, d.h. ursprünglich in den Boden eingelassene Kornmagazine,

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schichten hineingegraben. Die erwähnten größeren „Luft- u Lichtlöcher“, um die die Wohnhöhlen wie um einen patio gruppie sind, finden sich ebenfalls in dem in der Nähe gelege Benimämet®®, dessen Höhlenwohnungen trotz der ärmlichen B, völkerung noch heute die gleiche Sauberkeit und Wohnlichkei! aufweisen, von der schon Wattenbach spricht, Die Leichtigkeit der Felsbearbeitung, die der Verfasser erwähnt, ist typisch für alle Troglodytensiedlungen der Provinz Valencia und bildet noch heute den Anreiz zur Anlage neuer Höhlen®”,

Als eine Sehenswürdigkeit gelten auch die Höhlenwohnungen von Villa Cafas bei Tembleque, die Hackländer (I, 353) bei seinem Ritt durch die Mancha kennenlernt. Er schreibt darüber:

„Als wir die Höhe des Ortes erreicht hatten und fast schon im Freien waren, sahen wir auf einem Felde neben uns statt der Lehmhütten, die rings umher standen, nur Dinge wie Schornsteine, die ohne ein Dach oder sonst etwas aus dem Erdboden emporzusteigen schienen. Ich erinnerte mich etwas Aehnliches in Dörfern auf dem Libanon gesehen zu haben, und sind das Wohnungen so gut wie die anderen, nur daß sie sich unter der Erde befinden und außer der Thüre und dem Schornsteinloch keine weiteren Oeffnungen haben.“

Auffallend ist, daß die Höhlen von Villa Cafias nicht wie fast alle anderen Anlagen dieser Art in einen mehr oder weniger stark geneigten Bergabhang eingegraben sind, sondern sich in dem Gips- mergelboden eines völlig ebenen Geländes befinden. Daher der sonderbare Anblick, von dem Hackländer berichtet. Das Stadt- viertel umfaßt nach Jessen®® 400 bis 600 unterirdische Wohnungen mit teilweise zahlreichen Zimmern. Auch hier werden noch heute neue Höhlenwohnungen angelegt®.

Willkomm endlich erwähnt die Höhlenwohnungen von Cullar de Baza und Purullena in Ost-Granada, welche zu dem an

85 Vgl. FoCoEsp III, 213 (Phot.).

88 FoCoEsp III, 214 (Tafel).

87 Vgl. hierzu FoCoEsp III, 212.

88 Petermanns Mitteilungen 1930, 130,

8 FoCoEsp III, 214. Vergleiche über die Höhlenwohnungen in der Mancha auch O. Jessen, La Mancha. Hamburg 1930, S. 207 ft.

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Höhlen besonders reichen Becken von Guadix und Baza gehören. Leider beschränkt auch er sich darauf, den äußeren ‚Anblick, den sie bieten, zu schildern. So schreibt er über die Höhlenstadt Cullar de Baza (Willkomm III, 81):

„Ein großer Theil des Ortes besteht aus Höhlen, welche man in die benachbarten thonigsandigen Hügel gegraben hat. Deshalb sind diese mit einer Menge von Feueressen besetzt, was höchst seltsam aussieht.“

Guadix selbst wo nach Brunhes® über 3000 Personen, nach Torres Balbäs?! sogar 10000 Menschen in unterirdischen Behausungen leben sollen, hat Willkomm nicht besucht. Auf der Hochebene von Guadix aber bietet sich ihm in Purullena ebenfalls das inter- essante Bild eines von Troglodyten bewohnten Ortes (Willkomm III, 69):

„Die Sonne war schon zur Rüste gegangen, als wir nach dem Dorfe Purullena gelangten, das an der Vereinigung des Flusses von Graena mit dem Rio Anchuron an einer der inter- essantesten Stellen der Hochebene von Guadix erbaut ist. Rings um die wenigen Gassen des Orts erheben sich die schroffen Erdwände in den seltsamsten Gestalten an zwei- hundert Fuss hoch. Die feste Consistenz des Lettens erlaubte hier, eine grosse Menge Höhlen, ja vollkommene Häuser in den Thalwänden auszugraben. Ich glaube sogar, daß in Puru- llena viel mehr Menschen in Höhlen leben als in Häusern. Gewährt dieses Troglodytendorf schon am Tage einen selt- samen Anblick, wegen der zahllosen Thüren, Fenster- und Schornsteinöffnungen, die sich rings herum in den Wänden des kesselförmigen Grundes befinden, so ist derselbe bei Nacht, wo alle diese Höhlen erleuchtet sind, noch um Vieles fremd- artiger.*

Die Vermutung, daß die Mehrzahl der Ortsinsassen unterirdisch lebt, trifft auch auf die Gegenwart noch zu. So wohnen nach Torres Balbäs®® heutzutage von den 328 „vecinos“ Purullenas nur 50 in Häusern, während der Rest sich auf die Höhlen verteilt.

00 Lo Geographie humalne I, 107. FoCoEsn II, 208. 02 FoCoEsp III, 208,

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III. Religiöse Bräuche und kirchliche Feste.

Inhaltsverzeichnis.

Bipliogtaphie gr er ee. er Be et 112 Einleitung: Wie urteilt der deutsche Reisende über die religiöse Ein-

stellung des Spaniera® .. .. .. -. nu = nu 00 na ee 0. 113 1. Religiöse Bräuche in Spanien .. .. A ee a) Beachtung der Bräuche durch das Volk .. .. .. 2.2.2 .. 118 b) Die Haltung der Geistlichkeit .. .. .. 22-2 0m en ee oer 124 Bl Firchenfeste aan... 2.200: 0. 2: 2 a ce a 120 a) Weihnachten Pe: ee a lan b) Die Karwoche Fastnachtsbräuche El c)2 Fronleichnam Ze ee ee en 148 Andere Feiertage en er E15 3. Marienkult und Heiligenverehrung .. .. .. :: 2 se ce cn. 188 Br 2)2Lasifioresidel’Mayor 0 0.0 158 b) Las Mondas de Talavera Asseire ale. Bis rn Dresasın an c) San Antonio-Fest ee a a re no d) San Isidro-Fest .. .. .. ee Ar Tr e) Andere Beispiele von en I a a1 6A) 4. Begräbnissitten und Totenverehrung .. .. u er ce een oer 167 a) Aufbahrung und Beisetzung .. .. 2 seen ne en ne mens 167 b) Die Friedhöfe .. .. En ice 5 05 WA

N releeerg deılos aifunigs ee ee at

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Bibliographie.

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Haberlandt, M. Die volkstümliche Kultur Europas in ihrer geschicl lichen Entwicklung. In: G. Buschan, Illustrierte Völkerkunde, Bd. I) 2. Stuttgart 1926, S. 290.

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MoyaCasals, E. Aspectos de Sevilla durante la Semana Santa. Mel il 1925.

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Einleitung: Wie urteilt der deutsche Reisende über diereligiöse Einstellung des Spaniers?

Wenn ich im folgenden versuche, ein Bild zu geben von dem religiösen Leben Spaniens, wie es die Reisenden älterer Zeit ge- sehen und dargestellt haben, so ist hierzu eine Einschränkung zu machen. Mit Rücksicht darauf, daß sich die Wahrnehmungen und Beobachtungen über einen größeren Zeitraum, fast ein Jahrhundert erstrecken, wurden in den Vordergrund der Betrachtung die mannigfachen Formen gestellt, in denen sich das religiöse Leben des Spaniers vollzieht. Es galt, all das zu erfassen, was unseren Reisenden an religiösen Sitten und Bräuchen, an der Art, wie kirchliche Feste begangen werden, in dem Gastlande aufgefallen war und sie zur Darstellung gereizt hatte. Diese Dinge als besonders augenfällig werden auch zuerst einer Schilderung für wert erachtet; über sie hinaus gelangt man erst dazu, Betrachtungen anzustellen über den Sinn und Wert, der ihnen zugrunde liegt. Sie sind daneben zumeist bleibende Erscheinungen, die, natürlich mit Abweichungen, für den ganzen von uns betrachteten Zeitraum von den Reisenden immer wieder bezeugt werden und sich zum Teil bis in die Gegenwart erhalten haben.

Wollte man darüber hinaus aber versuchen, aus den Reise- beschreibungen ein Bild zu gewinnen, wie die Deutschen über die religiöse Haltung und Einstellung des Spaniers, über seine Religiosi- tät denken und urteilen, so ergeben sich große Schwierigkeiten. Natürlich kommen fast alle auf diese Frage zu sprechen, die lange genug im Lande gewesen sind, um überhaupt ein Urteil über spanische Verhältnisse abgeben zu können; dafür begegnet der Reisende religiösen Äußerungen der Volksseele in Spanien ja auch auf Schritt und Tritt. Die Schwierigkeiten einer richtigen Be- urteilung liegen aber in dem großen Zeitraum, über den wir unsere Untersuchungen ausgedehnt haben. Wie sich die politischen Ver- hältnisse im Lande besonders im 19. Jahrhundert nach dem

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Unabhängigkeitskrieg in ständiger Gärung befinden und ko: servative und liberale, gemäßigte und radikale Strömungen dauern ablösen, so wechselt unter ihrem Einfluß auch vielfach die Ei; stellung des Volkes zu Kirche und Geistlichkeit und damit di Haltung in religiösen Fragen, Der eine Reisende findet bei seinem Aufenthalt auf de Pyrenäenhalbinsel eine fast uneingeschränkte Herrschaft der Priester und Mönche vor, die es verstehen, das Volk in Unwissen. heit und Bigotterie zu halten; ein anderer dagegen besucht das Land zu einer Zeit, wo in Auswirkung radikalliberaler politischer Anschauungen Mönchs- und Nonnenklöster aufgehoben worden sind und der gemeine Spanier mit Verachtung auf den Priester. stand herabsieht. Wie schnell dabei das eine Extrem durch das andere ersetzt werden kann, sei an den Äußerungen zweier Reisen- der aus dem Ende des 18. Jahrhunderts verdeutlicht, zu einer Zeit also, wo sich derartige Entwicklungen noch in engeren Grenzen hielten als im folgenden Jahrhundert. Während Kaufhold (T, 290) nach einem Spanienbesuch in den Jahren 1790—92 schreibt: „Die Achtung, welche in Spanien der Laye der Geistlichkeit be- zeigt, übersteigt allen Glauben“, und Beispiele dafür anführt, wie sich insbesondere der Fremde hüten muß, durch allzu freimütige Äußerungen die Inquisition auf sein Haupt zu beschwören, ruft Chr. Aug. Fischer (Reise 332) kaum zehn Jahre später aus: „Reiset ruhig nach Spanien! Die Zeiten der Finsterniss sind vor- über, die Autosdaf& vergessen! Geht in die Messe und kauft euch einen Beichtzettel, Jude oder Heide Niemand bekümmert sich darum.“ - Ähnlich schwankt auch die Beurteilung der religiösen Ein- stellung des Spaniers im 19. Jahrhundert. Die einen Reisenden berichten von einem Volk, das augenscheinlich fanatisch an seinem Glauben hängt, das der Geistlichkeit und den Ordensangehörigen mit Ehrerbietung begegnet und ihnen blindlings vertraut, die andern sprechen wiederum von dem Spanier als einem Menschen, der in religiösen Dingen völlig indifferent ist und nur aus Über- lieferung die äußeren Formen der gottesdienstlichen Handlungen beachtet. Beides sind zeitlich betrachtet richtige Beobachtungen, und in ihrem Wechselspiel auch uns für die Gegenwart durchaus geläufige Vorstellungen. Es ist eben für den Fremden sehr schwer,

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sich dieses gegensätzliche Verhalten des spanischen Menschen zu erklären. Daher gelingt es auch nur wenigen Reisenden, tiefer in die Volksseele einzudringen. Die meisten Deutschen, die das Land in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts besuchen, neigen der "Ansicht Körners (289) zu, der nach mehrjährigem Aufenthalt in Spanien schreibt:

„Meine eigene Beobachtung ist, daß die Spanier ein sehr kirchliches Volk sind, aber kein tief Religiöses. Es gibt wohl ausnahmsweise Personen, die besonders geistlich gestimmt sind. Selbst in Madrid gibt es einige wenige Damen der höheren Gesellschaft, welche auch äußerlich rigourös sind. Man nennt sie „beatas“ ... Die Religionsgebräuche sind dem Volk zur andern Natur geworden, aber daß die Religion das ganze Leben in seinen Familien- und gesellschaftlichen Beziehungen hier durchdrungen habe, kann man gewiß nicht behaupten. Ich habe sogar allen Grund zu glauben, daß bei den gebilde- teren Klassen theilweise völliger Atheismus herrscht, keine ungewöhnliche Erscheinung in den katholischen Ländern, theil- weise Skepticismus oder die höchste Indifferenz, hauptsächlich bei den Männern. Nichts desto weniger bequemen sich die Skeptiker und Indifferenten, die Aeusserlichkeiten mitzumachen. Auf dem Lande mag wohl noch strenger Glaube vorherrschen, doch auch dieses wird von Vielen bezweifelt. Der Spanier ist an und für sich ein ziemlich lebhafter und aufgeweckter Kopf. Sein abstraktes Denkvermögen ist nicht weit her; aber er weiss, was ihm gut und nützlich ist... .“

Ähnlich äußert sich auch Roßmäßler (I, 233/234):

„Der Spanier liebt seine Kirche, sie ist ihm ein Bedürf- niss... Die Kirche und der Klerus sind ihm zwei völlig getrennte Dinge. Ob er auch letzteren liebt, darüber erlaube ich mir kein Urtheil ... Nur eine Wahrnehmung gehört hier- her, die mich in hohem Grade in Erstaunen gesetzt hat: ich habe nie einen der unzähligen Priester, die man in großen Städten auf allen Gassen sieht, vom Volke grüssen sehen. Wo es geschahe, war es ersichtlich der Gruss näherer Befreundung. Unter den höheren Ständen herrscht nach einigen eigenen Bemerkungen und nach Versicherungen von Spaniern der

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radikalste Unglaube, unbeschadet eines häufigen „Mit der kirchlichen Gebräuche ... .“ Eli

Ich glaube, mit diesen Feststellungen haben unsere Landsley nicht schlecht beobachtet: Der Spanier und seine Kirche gehör« unzertrennlich zusammen. Sie ihm nehmen zu wollen, hieße, i einen Teil seines eigenen Ich rauben. In demselben Sinne ist auc die Beachtung der religiösen Bräuche zu verstehen, die, wi Körner sagt, „dem Volk zur andern Natur geworden sind“. S zu unterlassen würde für den Spanier dasselbe bedeuten wie der Verzicht etwa auf die gesellschaftlichen Umgangsformen, nämlich Selbstentäußerung bis zu einem gewissen Grade. Wir begehen zumeist den Fehler, von unserer eigenen, ver- innerlichten Anschauung aus bei dem Südländer dasselbe zu suchen, was wir unter Glauben verstehen, und legen diesem dann als Oberflächlichkeit, Unaufrichtigkeit oder Unglauben aus, was doch nur einer andern seelischen Haltung entspringt. Daß die Gläubigkeit des Spaniers ganz anders gewertet werden muß, kommt in den Reisebriefen eines jungen Deutschen gut zum Ausdruck, wo es heißt (Häring 135): „Die Stelle der klaren Gedanken, die uns so nothwendig im Dasein sind, vertritt bei dem Spanier die Schwelgerei der Gefühle, gleichviel wofür, gleichviel worin. Die Religion gehört beim Spanier in das tägliche Lebensbedürfniss, und hat er diesem genügt, so tritt ein anderes ein, dem er mit gleichem Ernst, mit gleicher Feierlichkeit Genüge thut. So ganz ins Leben hineingezogen, ist die Religion hier fester und sicherer im Volke eingewurzelt, als irgend wo, allein die Religiosität ist eben darum hier loser als irgend wo, und kein Volk auf Gottes Erdboden dürfte von so lauer Moral, von so weitem Gewissen sein. Keine seiner Leidenschaften findet in der Religion einen Damm, keine seiner Tugenden eine Stütze, sie liegt seiner Versittlichung vollkommen seitwärts, und leistet eher seiner Begierde Vorschub, als dass sie dieselbe mäßigt.“

Und derselbe Verfasser gibt dann an anderer Stelle (Häring 112/113) ein Beispiel dafür, wie grundverschieden der Spanier die Dinge sieht, die wir uns hüten müssen, mit den gleichen Worten Religiosität oder Gläubigkeit zu belegen:

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„Einen Irrthum glaube ich Euch benehmen zu müssen, den, dass Spanien allüberall des Katholicismus -überdrüssig wäre. Ganz andere Motive sind es, die das Land nöthigen, die geist- lichen Güter anzutasten, als die man bei uns ihm unterlegt, und wenn das Volk die Klöster plündert, so glaubt ja nicht, dass es weniger bigot ist als sonst. Vor dem silbernen Cruci- fix, das er gestohlen, kniet der Räuber hin, und bittet es um Verzeihung, gelobt ihm, es in bessere Hände zu verkaufen, als es sich jetzt befindet, tröstet es, dass er es zu einer sehr from- men Duenna bringen würde, die werde es in vollen Ehren halten, und des Tages sechsmal ihr Gebet davor verrichten, ruft seine Schutzheiligen als Fürsprecher und Zeugen an, dass er sein Wort halten werde, und kauft sich, um den letzten Zorn zu beschwichtigen, aus einem Theil des Erlöses ein hölzernes Crucifix, wie es einem Manne seines Standes zu- kommt.

Neulich erzählte mir ein Lastträger voller Seelenruhe, dass er es so gemacht habe, und als er aus dem Busen sein hölzernes Crucifix hervorholte, liebkoste er es mit einer gewissen Inbrunst, und in einer Art und Weise, als ob er's mit ihm längst ausgemacht, dass er ihm beim Verkauf des silbernen und dem Kauf dieses hölzernen einen bedeutenden Gefallen erzeigt habe.“

Nach dem Gesagten, das zeigt, wie schwer es ist, auch die religiöse Psyche eines fremden Volkes zu würdigen und zu ver- stehen, darf es uns auch nicht wundernehmen, wenn durch die im folgenden angeführten Schilderungen spanischer Bräuche und Kirchenfeste oftmals ein herabsetzender oder tadelnder Ton hin- durchklingt. Vergessen wir nicht, daß der deutsche Reisende trotz aller Spanienbegeisterung, die ihn oftmals ja direkt dazu veranlaßt hat, das Land aufzusuchen, gerade religiösen Dingen gegenüber nie den Nordländer und Protestanten (der er zumeist ist) verleugnen kann. Der Wert der angeführten Schilderungen liegt ja, volks- kundlich gesehen, nicht in der kritischen Stellungnahme, sondern in der Aufzeichnung der vielen bunten Seiten des fremden Volkslebens.

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1. Religiöse Bräuche in Spanien. a) Beachtung der Bräuche durch das Volk,

Wie ich bereits sagte, drängt das religiöse Empfinden di Spaniers wie alle Lebensäußerungen des Südländers unmittelb, y nach sichtbarem Ausdruck. Jedes Gefühl, jede innere Re; muß äußerlich Gestalt gewinnen. So stoßen auch die Reisenden in Spanien, mehr als in irgendeinem anderen Lande, überall auf religiöse Bräuche und Einrichtungen. Dabei fällt ihnen zunächst auf, wie strenge man die herkömmlichen äußeren Formen beachtet, Kaum lassen sich die Glocken einer Kirche oder Kapelle, das Glöckchen eines Priesters vernehmen, so wandelt sich der eben noch ausgelassene, zornige oder lässige Spanier, an seine religiöse Pflicht gemahnt, sofort zum gläubigen Christen, der, wenn auch nur auf Minuten, Herz und Sinn willig der Gottheit leiht.

Als Humboldt auf seiner Spanienreise nach Pedroabad bei Andüjar kommt, überreicht er